Schottische Unabhängigkeit : Rosenkrieg im Königreich
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Nördlich der Grenze: Salmond (rechts) und Cameron (Mitte) begrüßen Prinz Charles bei einer Militärparade in der schottischen Hauptstadt Edinburgh Bild: action press
Die Nationalisten planen eine Referendum, das in der Unabhängigkeit Schottlands enden soll. Auch in Edinburgh gibt es Gegner dieser Pläne, doch sie sind führungslos.
Der bekannteste Kämpfer für die schottische Unabhängigkeit hat seinen Erstwohnsitz zwar schon seit Jahrzehnten auf einer anderen Insel (den Bahamas) und seine schauspielerische Paraderolle (Bond, James Bond) wäre ohne das Vereinigte Königreich aus England, Schottland und Wales kaum zustande gekommen - aber trotzdem gilt Sean Connery der Partei der Schottischen Nationalisten als geeignete öffentliche Galionsfigur für ihre Sache: immerhin trägt er den Kampfruf „Scotland forever“ eintätowiert auf dem Unterarm.
Der politische Anführer der schottischen Separation, Alex Salmond, staffiert sich mit dezenteren Merkmalen seines Anliegens aus: er trägt Krawatten mit weißem Andreaskreuz auf blauem Grund oder mit dem graugelben Tartan, dem Schottenkaro, das er eigens für seine Partei, die Schottischen Nationalisten (SNP), entwerfen ließ. Unzweifelhaft wird Salmond sich eines jener Wahrzeichen um den Kragen binden, wenn er in wenigen Tagen in London den britischen Premierminister Cameron trifft, um über die Details jener Volksabstimmung zu verhandeln, die nach dem Willen Salmonds in der Unabhängigkeit seiner rund fünf Millionen Einwohner zählenden Nation enden soll. Es zählt zu den Ironien dieses nationalen Scheidungsdramas, dass der Unionist Cameron, der Großbritannien unversehrt erhalten will, im Vergleich zu seinem Kontrahenten Salmond über die weitaus glanzvollere schottische Ahnenreihe verfügt: Die Camerons stammen als Highland-Clan aus der Gegend um den Ben Nevis, der höchsten britischen Erhebung, an der schottischen Westküste, und sie waren über viele Jahrhunderte hinweg bei jeder Rauferei mit den Briten über die schottische Unabhängigkeit dabei. Der Cameron-Tartan, ein Dreiklang aus dunklem Rot, mattem Grün und gelbem Faden, der in seiner Farbgebung ein wenig an die Muster der Sitzbezüge in der Londoner U-Bahn erinnert, hat demnach als Identitätssymbol eine weit höhere Bedeutung als das graue Karo, welches die SNP jetzt als Markenzeichen hält.
„Wovon wollt Ihr überhaupt leben?“
Über die protokollarischen Details der Begegnung des schottischen Ersten Ministers mit dem britischen Premierminister wie über die Umstände des Referendums überhaupt, haben die Regionalregierung in Edinburgh und die Londoner Zentrale in den vergangenen Tagen einen „Krieg der Worte“ geführt, der einen Vorgeschmack bietet auf die Auseinandersetzungen, die in den nächsten Monaten und Jahren zu erwarten sind. Zuerst sprach „Westminster“ den schottischen Nationalisten überhaupt das Recht ab, eine bindende Abstimmung zu veranstalten; dafür fehle der Autonomieregierung schlicht die Kompetenz. Cameron, sein Finanzminister Osborne und sein Schottlandminister Moore erboten sich aber, man könne da eventuell mit einem speziellen Gesetz oder mit Verordnungen behilflich sein, falls sich die schottische Seite zu gewissen Zugeständnissen bereit zeige: einem frühen Termin und einer einfachen Frage (nur Unabhängigkeit ja oder nein, und nicht, wie es die SNP erwägt, maximale Autonomie als dritte Möglichkeit). Das sei doch wieder die typische Bevormundung aus dem englischen Süden, trumpfte Salmond daraufhin auf.
Die Londoner Entgegnungen folgten gleichfalls dem Standard-Dialogbuch eines Scheidungsdramas: Wovon wollt Ihr überhaupt leben, fragte der erzürnte Osborne die Schotten - indem er in Aussicht stellte, ein eigenständiges Schottland könne als Mitglied der Europäischen Union „gezwungen werden“, den Euro als Währung einzuführen. Die Londoner politische Szene hatte schottische Unabhängigkeitsbestrebungen erst lange ignoriert, dann brüsk abgewiesen (das war zur Regierungszeit von Margaret Thatcher), und schließlich in eine begrenzte Selbstverwaltung umzulenken versucht. Der Labour-Premierminister Blair - auch ein halber Schotte - hoffte, durch diese „Devolution“ werde sich die Unzufriedenheit „nördlich der Grenze“, wie Schottland aus der englischen Perspektive häufig bezeichnet wird, in Kooperation verwandeln. Ähnliche Rechte für Nordirland bestehen schon seit den zwanziger Jahren. Sie folgen den Autonomie-Freiheiten die damals für die gesamte irische Insel gelten sollten. Und für die Waliser wurde vor mehr als einem Jahrzehnt im gleichen Zug mit der schottischen Regionalisierung ein eigenes Parlament und eine eigene Exekutive geschaffen.