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Schottische Unabhängigkeit : Bleiben oder gehen, das ist hier die Frage

Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft: Schottische Separatisten im September 2013 in Edinburgh Bild: Getty Images

Mit Scharmützeln um das Pfund geht der Kampf um Schottland in die entscheidende Phase. In Edinburgh hält man den Ausgang des Referendums über die Unabhängigkeit für offener denn je.

          Eine der vielen möglichen Antworten auf die vielen Fragen liegt im Keller des „Schottischen Nationalmuseums“. Hier sind die Münzen ausgestellt, die das unabhängige Schottland bis zu der Vereinigung mit England und Wales im Jahr 1707 prägen ließ. Sie hießen „Plack“ oder „Bawbee“ oder „Bodle“. Wäre es keine Lösung, einfach an die große Währungsgeschichte anzuknüpfen und im Fall der Unabhängigkeit kupferne „Salmonds“ auszugeben? Alexander Salmond, der Schottland aus dem Vereinigten Königreich führen will, hätte vermutlich nichts dagegen, täglich durch die Hände seiner Landsleute zu wandern.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Aber er hat etwas gegen eine neue Währung. Seit Monaten umwirbt der „Erste Minister“ die Schotten mit der Aussicht, dass eine Abspaltung von London alles besser machen und sich zugleich nichts ändern werde. Auch der unabhängige Schotte, versichert Salmond, behalte die Königin als Staatsoberhaupt, könne weiterhin BBC gucken und müsse auf dem Weg in den Süden keine Grenzposten passieren. Zu alldem schweigt die Regierung in London. Nur das Pfund, das will sie nicht hergeben.

          „Desto weniger will man riskieren“

          Schon Ende Januar wurde es ernst. Da reiste der britische Zentralbankchef Mark Carney an, der als Kanadier eine fast neutrale Instanz ist, und erklärte in Edinburgh, dass Salmonds Wunsch – eine Währungsunion zwischen Schottland und Rest-Großbritannien – nur unter Preisgabe nationaler Souveränität funktionieren könne. Am vergangenen Donnerstag machte sich dann der britische Schatzkanzler George Osborne auf den Weg in die schottische Hauptstadt und goss Carneys Bedenken in ein eisernes Geschütz: „Wenn die Schotten Großbritannien verlassen, verlassen sie auch das Pfund.“

          Der Satz schlug ein in Edinburgh. In der „Bow Bar“, einem Pub in der Altstadt, ist noch am Abend die Rede davon. „Die Sache mit der Währung ist riesig“, sagt David Singer, ein Arzt im Ruhestand, der bei einem Bier über die Ereignisse des Tages nachdenkt. „Ich kann die jungen Leute hier verstehen, die einen Aufbruch wollen, aber meine Generation macht sich große Sorgen um die Wirtschaft. Je älter man wird, desto weniger will man riskieren.“

          Kein Bund, kein Pfund: Londons Schatzkanzler George Osborne Bilderstrecke

          Wäre es nur Schatzkanzler Osborne gewesen, Salmond hätte damit leben können. Schließlich ist Osborne ein Tory, und Tories sind in Schottland ähnlich verhasst wie amerikanischer Bourbon. Auch ist nicht auszuschließen, dass die Konservativen in 15 Monaten wieder die Oppositionsbank drücken müssen. Aber kurz nach Osbornes Rede meldeten sich auch die Finanzpolitiker der anderen großen Westminster-Parteien eindeutig zu Wort: „This is not going to happen!“ Eine Währungsunion wird es nicht geben – ganz gleich, wer nach den nächsten Wahlen in London regiert.

          Die schottische Hauptstadt wirkt, als sei sie schwer erschüttert worden. „Jetzt ist Krieg“, sagt ein Mann, der den „First Minister“ berät und als hauptberuflicher Professor um seinen akademischen Ruf fürchtet, sollte er namentlich mit parteilichen Äußerungen zitiert werden. Der Berater breitet seine Arme aus und legt die Hände an die Enden der Tischkanten: „Sie müssen sich das Ganze wie ein Teleskop vorstellen, in das beide aus entgegengesetzten Richtungen hineingucken“, sagt er. „Auf der einen Seite führt London einen emotionalen Kampf ums Reich, auf der anderen sucht Edinburgh nach pragmatischen Lösungen – man kann sagen: Es geht um Romantik versus Realismus.“

          Zahl der Unentschiedenen wächst

          Das sehen natürlich nicht alle so, aber unstrittig ist, dass die Schlacht um Schottland eine neue Qualität erreicht und zugleich überraschende Wendungen genommen hat. Bis vor wenigen Wochen erschien das Referendum am 18. September den Menschen südlich des Hadrianwalls als ferner, nicht weiter ernst zu nehmender Spuk. Die Regierung in London und die von ihr gesteuerte Mehr-Parteien-Kampagne „Better Together“ schien sich ihrer Sache so sicher, dass sie das Treiben im Norden fast freundlich begleitete.

          Nur gelegentlich wies sie auf technische Ungereimtheiten in Salmonds Unabhängigkeitsplänen hin. Um jeden Preis den Eindruck vermeiden, man wolle den Schotten eine Entscheidung vorschreiben – das war die Strategie, und sie schien sich auszuzahlen: Bis zur Jahreswende lag das „No-Camp“ stabile zwanzig Prozentpunkte vor den Unabhängigkeitsbefürwortern.

          Doch dann setzte ein, was bei den Umfragefachleuten an der Universität von Edinburgh „die erste substantielle Bewegung“ genannt wird. Mit ein bis zwei Punkten zugunsten des „Yes-Camps“ ist sie in Wahrheit winzig, aber sie zeigt eine Richtung an. Zugleich wächst die Zahl der Unentschiedenen, die der Sozialforscher Jan Eichhorn von der „School of Social and Political Science“ auf mittlerweile mehr als dreißig Prozent beziffert. „Hier steckt ein großes Potential – für beide Kampagnen“, sagte er. Ende Januar legte Downing Street den Hebel um.

          „Wir wollen, dass ihr bleibt!“

          Die Regierung sensibilisierte die Londoner Zeitungsredaktionen, die bis dahin ähnlich apathisch gewirkt hatten wie die Parteien, und plötzlich hagelte es alarmistische Leitartikel und Berichte. „Gefahr! Das Ende Britanniens“ titelte der „Spectator“. Die „Financial Times“ startete eine Serie unter dem Titel „Wenn Schottland geht“. Premierminister David Cameron hielt auf dem Londoner Olympiagelände eine ungewöhnlich emotionale, in Passagen sogar persönliche Rede. Er erinnerte an die schottische Literatur, mit der er aufgewachsen ist, und rief den Landsleuten im Norden zu: „Wir wollen, dass Ihr bleibt!“

          Seither rücken selbst in Edinburgh die Tories zusammen. Murdo Fraser, ein konservativer Rebell im schottischen Parlament, kann nur lobende Worte für den Schatzkanzler aus London finden: „Seine Rede hat nichts mit einer Drohung zu tun – sie beschrieb die Realität, und die Schotten wissen nun, woran sie sind.“ Vor zwei Jahren war Fraser noch so unglücklich über seine Partei, dass er aus dem schottischen Landesverband eine britische CSU machen wollte. Seine Häresie wurde bestraft; statt schottischer Parteichef zu werden, büßte er seinen Stellvertreterposten ein.

          Frasers Idee einer unabhängigen Tory-Regionalpartei, die von immerhin 45 Prozent der schottischen Konservativen unterstützt wird, spiegelt die Verzweiflung im Lager der Unionisten. Auf lange Sicht könnten sich die Tories in Schottland nur behaupten, wenn sie die „patriotischen Stimmen“ zurückgewinnen, argumentiert er. Die sind in den vergangenen Jahrzehnten Stück für Stück an Salmond und seine schottische Nationalpartei SNP verlorengegangen. Im Mai 2011 erreichte die SNP die erste absolute Mehrheit in „Holyrood“, dem schottischen Parlament. Seitdem ist das Referendum nicht mehr aufzuhalten.

          Weniger antienglisch als anti-Tory

          Selbst manche Schotten sind verwundert, wie viel Wucht Salmond hinter seinen Unabhängigkeitstraum bringen konnte. Seit Ende der neunziger Jahre genießen die fünf Millionen Schotten weitreichende Autonomierechte. „Wir haben unser eigenes Rechtssystem, unser eigenes Bildungswesen, unser eigenes Sozialsystem, sogar unsere eigene Kirche“, bilanziert Salmonds Berater. „Im Grunde ist der Sprung in die staatliche Unabhängigkeit gar keine große Sache mehr.“ Warum dann aber die ganze Anstrengung, mit all den Unwägbarkeiten, von der Währung über die Verteidigungsfragen bis zu den ungeklärten internationalen Mitgliedschaften?

          „Westminister hat uns Schotten von zwei wesentlichen Werten entfremdet“, sagt der Berater, „von der Idee eines sozialen Gemeinwesens und von Europa.“ Seit Margaret Thatcher ähnele Großbritannien mehr den Vereinigten Staaten als einem europäischen Land, argumentiert der Mann. „Wir wollen nicht mehr in unsinnige Kriege wie im Irak geschickt werden, wir wollen unser Geld nicht mehr in die Nuklearrüstung stecken, und wir wollen über unsere Steuern selbst entscheiden.“

          Viele sagen, die Stimmung, die Salmond und seine SNP schürten, sei weniger antienglisch als anti-Tory. David Cameron und seine Kabinettskollegen, die überwiegend an den privaten Elite-Schulen und Universitäten Englands ausgebildet wurden, gelten den Schotten als arrogant und kalt. Mit diebischer Freude fordert Salmond den britischen Premierminister regelmäßig auf, sich einem Fernsehduell zu stellen. Cameron weiß, dass er eine solche Konfrontation nur verlieren kann. Am Ende ginge es im Referendum nicht mehr um die Frage „Bleiben oder gehen“, sondern um die SNP gegen die Tories.

          „Wir hassen die Engländer“

          Wenn sie auf den Süden des Königreichs angesprochen werden, können die Schotten ihre Gelassenheit verlieren. „Es ist ganz einfach: Wir hassen die Engländer“, sagt Michael Micmaid, der in einem Kochkittel an der Theke des „Fiddler Pub“ lehnt und immer hektischer an seiner elektrischen Zigarette saugt. Hinter seinen Ohren klemmen noch zwei weitere, mit Tabak gestopfte Zigaretten. „Wir Schotten sind doch immer die Doofen“, sagt er. „Als Westminster das Rauchverbot einführen wollte, haben sie es erst einmal bei uns getestet. Wenn sie in den Krieg ziehen, schicken sie uns als Erste los.“ Nicht einmal das Dienen in Afghanistan, wo er immerhin in der Uniform der „British Army“ kämpfte, haben Micmaid zum Briten gemacht. „Meine Kameraden haben es wie ich gesehen: Unabhängigkeit ist das Beste für uns alle.“

          Die SNP hofft, dass die Schotten Londons Währungskampfansage als weitere Gängelung wahrnehmen, die den Wunsch nach Unabhängigkeit nur noch stärke. „Der Schuss wird nach hinten losgehen“, versichert Salmonds Berater. Ähnliche Bilder verwenden der „Erste Minister“ und seine umtriebige Stellvertreterin Nicola Sturgeon, die derzeit Dauergäste in der schottischen BBC sind. Am Montag knöpfte sich Salmond den Schatzkanzler in einer Rede in Aberdeen vor und nannte dessen Thesen „undurchdacht und uninformiert“. Zu diesem Zeitpunkt hatte Salmond schon ein weiteres Problem am Hals.

          Am Sonntag war EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in der britischen BBC gefragt worden, wie er die Chancen für eine Aufnahme Schottlands in die Europäische Union einschätze. „Extrem schwierig, wenn nicht unmöglich“, antwortete er. Barroso erinnerte an das Einstimmigkeitsprinzip in dieser Frage und verwies auf die Spanier und deren Angst vor eigenen Separatismusbewegungen. Derart deprimierende Worte waren in Bezug auf die EU-Mitgliedschaft noch nie gefallen, weshalb die SNP mit scharfen Worten zurückschoss. „Grotesk“ nannte Nicola Sturgeon die Äußerungen Barrosos.

          Sozialwissenschaftler Eichhorn hält weder die Scharmützel um das Pfund noch die um die EU-Mitgliedschaft für kriegsentscheidend. Er hat herausgefunden, dass die Hälfte der Unentschiedenen am liebsten die sogenannte „Devo-max“ hätten. Ursprünglich hatte die SNP diese „maximale Dezentralisierung“, die irgendwo zwischen dem derzeitigen Status und einer staatlichen Unabhängigkeit angesiedelt wäre, ebenfalls zur Abstimmung stellen wollen. Aber Cameron setzte durch, dass die Wähler nur die eine Frage vorgelegt bekommen: „Soll Schottland ein unabhängiges Land werden?“ Der klare Blick in den Abgrund, so Londons Kalkül, würde die Schotten schon zurückschrecken lassen. Jetzt droht es doch knapp zu werden.

          Die meisten Unentschiedenen, glaubt Eichhorn, würden in jenes Lager wandern, dessen Versprechen einer „Devo-Max“-Lösung am nächsten kämen. Auf dem Campus der Universität von Edinburgh ist die Meinungsbildung erkennbar im Fluss. „Meine Freunde sind entweder ins ,Yes-Camp‘ gewechselt oder ins Lager der Unentschiedenen“, sagt Ben Nisbet, ein junger Philosophiestudent. Die SNP sei nicht nur aktiver als die „Better Together“-Kampagne, sie vermittle auch die positivere Botschaft. „Viele in meinem Alter haben das Gefühl: Das ist meine Chance, um etwas zu verändern.“ Ben will trotzdem gegen die Unabhängigkeit stimmen.

          Aber er sagt eben auch: „Es sind noch sieben Monate, und so lange kann man mich noch vom Gegenteil überzeugen.“ Sieben Stockwerke trennen die mittelalterliche Münzsammlung im Keller des Nationalmuseums vom lichten Dachgeschoss, das der jüngsten Geschichte Schottlands gewidmet ist. Das „Dezentralisierungsreferendum“ von 1997 wird hier dokumentiert, daneben sind Fotos von der ersten Sitzung im neuen Parlament zu sehen. An der Wand gegenüber hängt – halb zur Begründung, halb zur Abschreckung – ein Zitat der früheren konservativen Premierministerin Margaret Thatcher: „Wir Engländer, die ein großartiges Volk sind, verhalten uns wirklich sehr großzügig gegenüber Schottland.“

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