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Schottische Unabhängigkeit : Bleiben oder gehen, das ist hier die Frage

Zahl der Unentschiedenen wächst

Das sehen natürlich nicht alle so, aber unstrittig ist, dass die Schlacht um Schottland eine neue Qualität erreicht und zugleich überraschende Wendungen genommen hat. Bis vor wenigen Wochen erschien das Referendum am 18. September den Menschen südlich des Hadrianwalls als ferner, nicht weiter ernst zu nehmender Spuk. Die Regierung in London und die von ihr gesteuerte Mehr-Parteien-Kampagne „Better Together“ schien sich ihrer Sache so sicher, dass sie das Treiben im Norden fast freundlich begleitete.

Nur gelegentlich wies sie auf technische Ungereimtheiten in Salmonds Unabhängigkeitsplänen hin. Um jeden Preis den Eindruck vermeiden, man wolle den Schotten eine Entscheidung vorschreiben – das war die Strategie, und sie schien sich auszuzahlen: Bis zur Jahreswende lag das „No-Camp“ stabile zwanzig Prozentpunkte vor den Unabhängigkeitsbefürwortern.

Doch dann setzte ein, was bei den Umfragefachleuten an der Universität von Edinburgh „die erste substantielle Bewegung“ genannt wird. Mit ein bis zwei Punkten zugunsten des „Yes-Camps“ ist sie in Wahrheit winzig, aber sie zeigt eine Richtung an. Zugleich wächst die Zahl der Unentschiedenen, die der Sozialforscher Jan Eichhorn von der „School of Social and Political Science“ auf mittlerweile mehr als dreißig Prozent beziffert. „Hier steckt ein großes Potential – für beide Kampagnen“, sagte er. Ende Januar legte Downing Street den Hebel um.

„Wir wollen, dass ihr bleibt!“

Die Regierung sensibilisierte die Londoner Zeitungsredaktionen, die bis dahin ähnlich apathisch gewirkt hatten wie die Parteien, und plötzlich hagelte es alarmistische Leitartikel und Berichte. „Gefahr! Das Ende Britanniens“ titelte der „Spectator“. Die „Financial Times“ startete eine Serie unter dem Titel „Wenn Schottland geht“. Premierminister David Cameron hielt auf dem Londoner Olympiagelände eine ungewöhnlich emotionale, in Passagen sogar persönliche Rede. Er erinnerte an die schottische Literatur, mit der er aufgewachsen ist, und rief den Landsleuten im Norden zu: „Wir wollen, dass Ihr bleibt!“

Seither rücken selbst in Edinburgh die Tories zusammen. Murdo Fraser, ein konservativer Rebell im schottischen Parlament, kann nur lobende Worte für den Schatzkanzler aus London finden: „Seine Rede hat nichts mit einer Drohung zu tun – sie beschrieb die Realität, und die Schotten wissen nun, woran sie sind.“ Vor zwei Jahren war Fraser noch so unglücklich über seine Partei, dass er aus dem schottischen Landesverband eine britische CSU machen wollte. Seine Häresie wurde bestraft; statt schottischer Parteichef zu werden, büßte er seinen Stellvertreterposten ein.

Frasers Idee einer unabhängigen Tory-Regionalpartei, die von immerhin 45 Prozent der schottischen Konservativen unterstützt wird, spiegelt die Verzweiflung im Lager der Unionisten. Auf lange Sicht könnten sich die Tories in Schottland nur behaupten, wenn sie die „patriotischen Stimmen“ zurückgewinnen, argumentiert er. Die sind in den vergangenen Jahrzehnten Stück für Stück an Salmond und seine schottische Nationalpartei SNP verlorengegangen. Im Mai 2011 erreichte die SNP die erste absolute Mehrheit in „Holyrood“, dem schottischen Parlament. Seitdem ist das Referendum nicht mehr aufzuhalten.

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