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Schmuggel : Transnistriens unstillbarer Appetit

An der Grenze zwischen der Ukraine und Transnistrien wird nur auf ukrainischer Seite kontrolliert - auf der anderen lebt man vom Schmuggel Bild: Konrad Schuller

Ein kleiner Landstrich am Dnjestr zwischen der Ukraine und Moldau zieht unglaubliche Warenströme an - Fleisch, Alkohol, Tabak, Rauschgift. Beamten der EU erforschen das Geheimnis der sonderbaren Appetitschübe.

          6 Min.

          Drüben liegt Transnistrien. Vom morbiden Charme der alten Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer war die Fahrt zuerst durch weitgestreckte Budenvorstädte gegangen, dann hatte die Landstraße sich, von gekalkten Akazien gesäumt, unter der südukrainischen Sonne zwischen endlosen Sonnenblumenfeldern hingezogen. Kurz vor der Grenze hatte der weiße Landrover der Europäischen Grenzkontrollmission Eubam noch ein paar Bauernsiedlungen durchquert, Dörfer mit holprigen, staubigen Straßen zwischen wackligen Lattenzäunen. Jetzt ist die Grenze da, und der Schlendrian der Landschaft ist plötzlich wie weggeblasen. Schnurgerade zieht sie sich durch die trägen Bodenwellen des Tieflands, akkurat geharkt, um verdächtige Spuren von Schmugglern und Grenzverletzern sofort sichtbar werden zu lassen. Rechts und links prangen frische Warnschilder.

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Drüben liegt das wohl intransparenteste politische Gebilde des Kontinents. Offiziell ist zwar alles ganz einfach: Das Land jenseits des geharkten Streifens gehört völkerrechtlich zur Republik Moldau, der Nachfolgerin der „Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik“; nur sind die Verhältnisse eben in Wirklichkeit komplizierter. 1992, wenige Monate nachdem Moldau mit dem Ende der Sowjetunion unabhängig geworden war, hat sich der russisch-ukrainisch geprägte Landstrich östlich des Dnjestr in einer blutigen Revolte von dem mehrheitlich rumänischsprachigen neuen Staat losgesagt.

          „Transnistrien“ mit seiner Hauptstadt Tiraspol ist seither ein Kuriosum geblieben: einerseits ein „Staat“, den niemand anerkennt, eine Konserve sowjetischer Wappen, Fahnen und Riten, ein russisches De-facto-Protektorat und Stationierungsort einer russischen Armee, die auch zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion noch nicht abziehen will, andererseits aber auch ein Herrschaftsgebiet undurchsichtiger Clans und nachkommunistischer Lokalpotentaten.

          Weil kein Land der Welt zu Transnistrien diplomatische Beziehungen unterhält, ist der Grenzdienst hier anders als anderswo. Weder die ukrainischen Beamten noch ihre europäischen Kollegen, die hier seit dem Jahr 2005 im Einsatz sind, haben offiziell Kontakt zu den „Kollegen“ auf der anderen Seite. Und die „andere Seite“ lässt sich an der Grenze einfach nicht blicken. Von der Ukraine aus gesehen, hat es den Anschein, als kümmere sich in Transnistrien einfach keine Menschenseele um diese Grenze. Pfosten, Markierungen, Streifen fehlen. Es gibt keine Treffen, keine Informationen, keine Bekanntschaften.

          Kuriose Appetitschübe suchen die Bewohner heim

          Dennoch tappen die Beamten der Eubam nicht völlig im Dunkeln. Seit Jahren analysieren sie die Warenströme nach Transnistrien, beobachten den Verkehr, gleichen Ein- und Ausfuhren miteinander ab – und bekommen dabei höchst Verwunderliches über Transnistrien heraus. Beispielsweise ist mittlerweile bekannt, dass die etwa 555.000 Bewohner dieses „Staates“ periodisch von kuriosen Appetitschüben heimgesucht werden. In den vergangenen fünf Jahren zum Beispiel beobachtete man einen gewaltigen Strom von Kühltransporten mit amerikanischem und brasilianischem Hühnerfleisch, die, oft in Konvois von bis zu dreißig Fahrzeugen, von den ukrainischen Häfen Odessa und Iljitschewsk nach Transnistrien rollten.

          2006, am Höhepunkt der Hähnchen-Orgie, importierte „TN“, wie dieses „Land“ im offiziellen Schriftverkehr gelegentlich genannt wird, 75.000 Tonnen Fleisch – die unerhörte Menge von 135 Kilo pro Kopf, Säuglinge und Greise mitgerechnet. Mittlerweile ist die Gier der Transnistrier nach Huhn zurückgegangen, dafür aber verzeichnet Eubam neuerdings eine unwiderstehliche Lust auf Zigaretten. Die Zahlen legen nahe, dass in Moldau einschließlich Transnistriens etwa 4,3 Milliarden Zigaretten mehr im Angebot sein müssten, als ein so kleiner Markt normalerweise aufnehmen kann. Andere Begierdeschübe bezogen sich mal auf westliche Autos, mal auf Alkohol (Ethanol), mal auch auf hartes Rauschgift.

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