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Schlepper-Prozess : Immer wieder wurde die Tür verschlossen

Eingesperrt ohne Wasser: Der Lastwagen mit den toten Flüchtlingen auf der Autobahn bei Parndorf im August 2015. Bild: dpa

71 Männer, Frauen und Kinder ersticken vor zwei Jahren in einem Kühllaster. Gegen die Schlepper läuft nun der Prozess. Jeder von ihnen weiß, dass der andere Schuld hat.

          7 Min.

          Angeklagter Nummer zwei erhebt sich. Er möchte Angaben zu der vorherigen Aussage des Angeklagten Nummer sechs machen. Nummer sechs, ein 37 Jahre alter Bulgare, stand an diesem Freitagmorgen bereits mehr als zwei Stunden vor dem Richter, unterbrochen von einer zwanzigminütigen Pause.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Es ist die zweite Verhandlungswoche im Prozess in Kecskemét gegen mutmaßliche Mitglieder einer Menschenschmugglerbande, die den qualvollen Erstickungstod von 71 Migranten in einem Kühllaster im August vor zwei Jahren auf dem Gewissen haben soll. Vor Gericht werden sie nur nach Nummern benannt, die sich aus der Reihenfolge ergeben, in welcher sie in der Anklageschrift auftauchen. Nummer sieben der insgesamt elf Angeklagten ist noch auf der Flucht, die übrigen zehn müssen sich hier verantworten.

          Die Fahrt war als „Gefallen“ gedacht

          Anders als die anderen Beschuldigten zuvor in diesem gewaltigen Prozess hat Nummer sechs sich zu einer Aussage bereiterklärt. Er soll nicht bei jenem tödlich verlaufenen Transport mitgefahren sein, sondern an einem vorherigen. Außerdem wurden einige der Schmugglerfahrzeuge auf seinen Namen angemeldet. So wie Angeklagter Nummer sechs es darstellt, war er aus Bulgarien wegen legaler Geschäfte gekommen. Er handle seit zehn Jahren mit Autos und Lastwagen über die Grenze hinweg und fahre monatlich nach Ungarn. Der als Kassim bezeichnete Mann sei dabei ein regelmäßiger Geschäftspartner. Kassim ist Angeklagter Nummer fünf.

          Tod im Kühllaster : Prozess um 71 erstickte Flüchtlinge

          Der habe ihn kontaktiert, wie üblich, wenn er Autos zu verkaufen habe. Kassim wiederum arbeitete mit Metodi zusammen, dem Angeklagten Nummer zwei. Anfang August, so die Darstellung von Nummer sechs weiter, sei sein Lastwagen bei einem Unfall beschädigt worden, er musste nach Bulgarien zurückgeschleppt werden. Er habe Metodi um Hilfe gebeten und ihn gefragt, was das kosten würde. Die Antwort: „Einen Gefallen.“ Der Gefallen bestand darin, einen Mercedes „Sprinter“, in den zwanzig Menschen gepfercht waren, von Ungarn nach Österreich zu bringen. Das soll unmittelbar vor der Fahrt des tödlichen Kühllasters stattgefunden haben.

          Schlepper weisen sich gegenseitig Verantwortung zu

          Richter János Jádi und Staatsanwalt Gabor Schmidt fragen nach Details der Aussage des Angeklagten. Der Richter schiebt mehrmals die Brille auf die hohe Stirn und wirkt, als ob er bald die Geduld verliere. Schon wieder habe der Angeklagte auf die Frage nicht geantwortet, gibt Jádi dann zu Protokoll, wenn der vor ihm stehende Mann abschweift oder ins Unklare abdriftet.

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          Als der Staatsanwalt die entscheidende Frage stellt und der Angeklagte sie verneint, bittet einer der neun Rechtsanwälte links vom Richtertisch um Erlaubnis, sich mit seinem Mandanten zu besprechen, und verkündet kurz darauf, er habe gesagt, was er sagen wollte und werde nunmehr auf keine Frage mehr antworten.

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