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Schlepper-Prozess : Immer wieder wurde die Tür verschlossen

Weiterer Angeklagter ist auf der Flucht

Der bulgarische Libanese Kassim H. habe Fahrzeuge und provisorische Kennzeichen besorgt. Ihm wie den anderen Angeklagten wird nicht der 71fache Mord, aber die Beteiligung an anderen Schlepperfahrten angelastet, wofür Haftstrafen bis zu 20 Jahren gefordert werden. Allein zwischen Februar und August 2015 soll die Bande in 31 Schleusungen mehr als 1200 Personen illegal nach Westeuropa gebracht und dabei mindestens 300000 Euro eingenommen haben.

Die Verständigungsprobleme könnten ein Prozessende noch lange hinauszögern.
Die Verständigungsprobleme könnten ein Prozessende noch lange hinauszögern. : Bild: EPA

Der Lastwagen mit den Toten, der am 27. August von der österreichischen Polizei bei Parndorf auf dem Pannenstreifen der Autobahn nach Wien gefunden wurde, war keineswegs der einzige, in dem die Geschleusten in Not gerieten. Bei früheren Schlepperfahrten sollen bis zu 100 Menschen auf dem Laderaum eines Lastwagens gepfercht worden sein. Selbst am Tag der Tragödie von Parndorf schickte die Bande einen weiteren Kühllaster mit 67 Flüchtlingen los, die nur deshalb überlebten, weil es ihnen gelang, während der Fahrt die Tür einen Spalt weit aufzustemmen. Mehrmals soll der Fahrer die Tür dann jedoch wieder von außen verschlossen haben. Das ist der Angeklagte Nummer sieben, der noch auf der Flucht ist.

Fahrer bemerkten Gefahr durch zu wenig Luft

Die Sicherheitsbehörden hatten die Bande schon seit Wochen im Visier und hörten ihre Mobiltelefone ab. Die Protokolle, die erst im Nachhinein ausgewertet wurden, weil die Gespräche teils auf Bulgarisch, teils in Paschtu oder Arabisch geführt wurden, ermöglichten es, die grauenhaften Umstände des Todes der 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder ansatzweise nachzuvollziehen. Schon eine halbe Stunde nach der Abfahrt gleich hinter der serbisch-ungarischen Grenze haben demnach die Menschen im Frachtraum, der für den Transport von Geflügel ausgelegt war, durch Geschrei und Hämmern an die Wände angezeigt, dass sie keine Luft bekommen.

Der Fahrer wie auch der Fahrer des vorderen Autos haben das gehört, aber nur als Gefahr wahrgenommen, entdeckt zu werden. Sie schilderten übers Telefon in wiederholtem Hin und Her das „Problem“ ihrem Bandenchef. Man erörterte, ob es möglich sei, den Leuten Wasser zu trinken zu geben, verwarf das aber aus Sorge, sie würden dann alle davonlaufen.

Angeklagte werden getrennt vernommen

Laut den Protokollen nahm man den Tod der Menschen ausdrücklich in Kauf: In dem Fall sollten sie einfach in Deutschland im Wald abgeladen werden, wies der Mann an, der in den Aufzeichnungen als der afghanische Bandenchef identifiziert wird. Und der Fahrer wie der Vorfahrer gehorchten – jedenfalls bis Parndorf, wo sie den Laster dann ungeöffnet stehenließen und sich gemeinsam in Richtung Bratislava aus dem Staub zu machen versuchten. Beim Überqueren der Grenze hatte das lästige Klopfen und Rufen bereits aufgehört.

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