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Schlepper-Prozess : Immer wieder wurde die Tür verschlossen

Die Frage des Staatsanwalts hatte gelautet: „Haben Sie auch schon vor dem 26. August Menschen nach Österreich gebracht?“ Das ist der Moment, in dem sich Metodi erhebt, der Angeklagte Nummer zwei. Stück für Stück verweist er Behauptungen ins Reich der Märchen, mit denen sein einstiger Komplize es so darstellte, als wäre er da einmal unglücklich hineingeschliddert. Da geht es um die Frage, wer die Schlepperautos gekauft hat, um ein abmontiertes Nummernschild und dergleichen mehr. „Er hat uns gebeten, und wir haben ihn keinesfalls gezwungen, dass wir ihm einen Transport nach Österreich geben.“ Dieses Bild ergibt sich aus den bisherigen Verhandlungstagen von Kecskemét.

Mutmaßlicher Bandenboss provoziert

Die Hauptbeschuldigten, die als Köpfe der Bande gelten, haben die Aussage verweigert. Die nachfolgenden versuchen, ihre eigene Rolle so klein wie möglich zu machen und möglichst viel Schuld auf Nummer eins bis drei zu schieben. Die wiederum hacken zurück. Hinzu kommt ein unglaublich provokantes Auftreten des mutmaßlichen Bandenbosses. Samsooryamal L., Nummer eins der Anklage, von den übrigen Samsoor genannt. Er ist ein 30 Jahre alter Afghane, der seit Jahren als anerkannter Asylant in Ungarn lebt. Er hat schon beim Prozessauftakt damit ein weltweites Publikum gefunden, dass er in der Hand ein Schild hielt, in dem er sich als verfolgter Muslim stilisierte.

Der Tod der eingepferchten Flüchtlinge sorgte europaweit für Entsetzen.
Der Tod der eingepferchten Flüchtlinge sorgte europaweit für Entsetzen. : Bild: Reuters

Auch am Ende der zweiten Woche lässt der schmale Mann mit scharfen Gesichtszügen sich ein breites Grinsen nicht nehmen, als er in Handschellen und Fußfessel zur Pause geführt wird, und reckt in Richtung der beiden für ihn bestellten Dolmetscher beide Daumen hoch. Der Richter und seine beiden Beisitzer, die sich ohne Zorn und Eifer ein Bild machen und am Ende nur über die jeweilige individuelle Schuld urteilen müssen, sind nicht zu beneiden.

Verständigungsprobleme verzögern den Prozess

Auch das Prozedere ist mühsam. Acht der Männer, die hier in Südungarn vor Gericht stehen, haben Bulgarisch als Muttersprache, einer Paschtu, einer (mit bulgarischer Staatsangehörigkeit und libanesischer Herkunft) Arabisch. Drei Dolmetscherboxen stehen an der Rückwand des großen Gerichtssaales. Was die Angeklagten aussagen, wird ins Ungarische übersetzt. Der Vorsitzende Richter, einen Knopf im Ohr, fasst dies laut auf Ungarisch fürs Protokoll zusammen. Das wird wiederum simultan für die Angeklagten in deren Muttersprachen übersetzt. Beim Angeklagten Nummer sechs kommt es immer wieder vor, dass der Vernommene dann widerspricht: Das habe er so nicht gemeint. Kein Wunder, dass Beobachter meinen, in diesem Jahr sei mit einem Urteil kaum zu rechnen.

Die Anklage hat lebenslange Haftstrafen für die vier mutmaßlichen Haupttäter gefordert. Samsooryamal L. habe die „auf Menschenschleusung spezialisierte kriminelle Vereinigung“ geleitet, organisiert und das Geld aufgebracht. Metodi G. sei Chef der Schlepperfahrer gewesen, die wie er überwiegend aus ärmlichen Romavierteln der nordwestbulgarischen Stadt Lom stammen. Ivaloy S. soll den Kühllaster gefahren haben, in dem die 71 Männer, Frauen und Kinder am 26. August 2015 erstickt sind. Todorov B. soll ein Fahrzeug davor gefahren haben, um nach Polizeikontrollen Ausschau zu halten. Das sind die Angeklagten Nummer eins bis vier.

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