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Chinesische Mauer : Wenn die Barbaren kommen

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Ausschnitt der chinesischen Ein-Yuan-Note Bild: ddp Images

Die Chinesen haben über viele Jahrhunderte Erfahrungen mit einer Mauer gesammelt – keine guten. Die Herrscher, die sich auf Mauern verließen, bereuten es meistens.

          7 Min.

          Die Chinesische Mauer ist nicht die älteste Schutzmauer der Welt – dieser Titel geht an den Nahen Osten, wo Jericho an den Ufern des Jordans womöglich schon im Jahre 9300 vor Christus befestigt wurde. Die berühmteste Mauer der Welt ist aber mit Sicherheit die chinesische.

          Sie ist nach allgemeinem Dafürhalten ein Weltwunder, obwohl es nicht stimmt, dass man sie vom Weltraum aus sehen kann. Als Neil Armstrong 1969 erklärte, er habe die Mauer von der Oberfläche des Mondes aus erkannt, hatte er eigentlich eine Wolkenformation gesehen. Erst 2003 gestand das auch die chinesische Regierung ein. Denn der erste chinesische Astronaut Yang Liwei gab zu, dass er die Mauer nicht finden konnte, obwohl er intensiv nach ihr Ausschau gehalten hatte.

          Doch da war der besondere Ruf der Chinesischen Mauer bereits fest in der westlichen Vorstellung verankert. Der erste Europäer, der die Mauer „groß“ nannte, war Philippe Avril, ein jesuitischer Missionar, der sie 1693 besuchte. Genau hundert Jahre später bezeichnete der britische Diplomat Lord Macartney sie als „ein höchst gewaltiges Werk menschlicher Hände“. Als der amerikanische Präsident Richard Nixon die Mauer 1972 besuchte, sagte er: „Diese Mauer ist großartig. Sie muss von einem großartigen Volk erbaut worden sein.“

          Schutz vor mongolischen Reiterhorden

          Dabei wären die Erbauer der Mauer von diesen Lobeshymnen einigermaßen überrascht gewesen. Die chinesischen Herrscher haben den Bau von Mauern normalerweise als Eingeständnis gesehen, dass sie ihre nördliche Grenze vor den wendigen Reiterhorden der mongolischen Steppe nicht schützen konnten.

          Sehr früh lernten die Chinesen, dass die Kontrolle einer langen offenen Grenze eine schwierige Angelegenheit ist. Denn es gibt viele Gründe, weshalb Menschen sie überqueren, und allerhand Arten, wie sie das tun. Zu manchen Zeiten war Einwanderung ausgezeichnet für China, zu anderen eine Katastrophe.

          Unterschiedliche Gruppen von Einwanderern

          Dabei lassen sich die Einwanderer in vier Gruppen unterteilen, jede mit ihrer eigenen Logik. Die erste Gruppe sind junge Männer, die – manchmal allein, manchmal in Banden – als Wirtschaftsflüchtlinge kamen und auf der Suche nach Arbeit waren oder nach der Möglichkeit, im Reich der Mitte Handel zu treiben. Doch wenn sie nicht fanden, was sie suchten, oder sich einfach die Gelegenheit bot, griffen sie zu Gewalt. Sie töteten und beraubten die wehrlosen Kleinbauern entlang der Grenze.

          Bei der zweiten Gruppe von Migranten handelte es sich um Familien. Wenn die Zeiten in der Steppe hart waren – oder, wie zuvor, sich einfach eine Gelegenheit bot –, emigrierten einzelne Familien oder größere Gruppen in der Hoffnung auf Ackerland. Vielleicht zahlten sie dafür im Gegenzug Steuern oder leisteten Wehrdienst. Normalerweise waren Familien weniger bedrohlich als junge Männer, außer wenn etwas schieflief. Chinesische Grenzbeamte waren vielleicht versucht, sie übers Ohr zu hauen oder in die Sklaverei zu verkaufen. Dann konnten Familien in ihrer verzweifelten Wut brutaler werden als jede Räuberbande.

          Nach neuesten Erhebungen erstreckt sich die Chinesische Mauer über eine Länge von mehr als 20.000 Kilometern.
          Nach neuesten Erhebungen erstreckt sich die Chinesische Mauer über eine Länge von mehr als 20.000 Kilometern. : Bild: AP

          Der dritte Grund für das Auftauchen der Nomaden waren Kriege. Stammesführer aus den Steppen könnten versucht gewesen sein, ihre Getreuen zu mobilisieren, um Beute zu machen oder um Ruhm zu erringen. Den brauchten sie, um andere Stammesführer zu neuen Getreuen zu machen. Es könnte auch sein, dass sie aus Angst zu den Waffen griffen, da chinesische Armeen kurz davorstanden, sie anzugreifen. Kriege waren zwar sehr viel seltener als die Immigration von jungen Männern oder Familien, aber sie waren auch viel schrecklicher. Dschingis Khan plünderte neunzig Städte in Nordchina im Jahre 1215, Peking brannte einen Monat lang.

          Und schließlich ging es auch um Eroberung – aber nur in den allerwenigsten Fällen. Normalerweise wollten Nomaden reich werden und dann in ihre Heimat in der Steppe zurückreiten. Sie hatten nicht die Absicht, das Kaiserreich zu unterwerfen. Als die Han-Dynastie im Zuge der Invasionen des dritten Jahrhunderts in sich zusammenbrach, schien es, als seien die Qiang- und Xiongnu-Stämme darüber entsetzt gewesen, was sie angerichtet hatten. Sie hatten keine Ahnung, wie man den komplexen Agrarstaat am Laufen halten sollte, den sie gerade zerstört hatten. Ganz zu schweigen von der ausgeklügelten Bürokratie, die Steuern eintrieb und wieder ausgab.

          China brach sofort in sich zusammen. Es begann jene brutale Phase der Anarchie, die Historiker das Zeitalter der „Sechzehn Reiche der fünf Barbaren“ nennen. Dschingis Kahn hätte China erobern können, aber er war schlau genug, es zu lassen. Und nur ein sehr seltener Nomadentyp wie sein Enkel Kublai Khan um 1270 oder die Mandschu gegen 1640 hatten das Zeug zu so einem Unterfangen.

          Mauerbau schon neun Jahrhunderte vor Christus

          Soweit wir wissen, hatten chinesische Herrscher drei Strategien, um mit den Nomaden aus dem Norden umzugehen. Die erste war der Mauerbau und geht bis ins neunte Jahrhundert vor Christus zurück. Damals bestand China noch aus einer Vielzahl wettstreitender Reiche anstelle eines geeinten Imperiums. Eines der nördlichen Königreiche, das von der Zhou-Dynastie beherrscht wurde, ließ einen langen flachen Schutzwall aus Erde und Lehm errichten. Zwar kein eindrucksvolles Hindernis, doch die Idee dahinter war, dass es die Reiterhorden der Rong und Di so lange aufhalten würde, bis die königlichen Armeen sich sammeln konnten, um die Hauptstadt des Königreichs zu schützen.

          Diesen Zweck erfüllte die Mauer eigentlich gar nicht. Die einzigen verbliebenen Zeugnisse wurden zwar erst siebenhundert Jahre später verfasst, aber sie zeigen, dass König You von Zhou und seine Freundin es zum Totlachen fanden, die Signalfeuer zu entzünden und so die aristokratischen Vasallen zur Verteidigung herbeizurufen. Sie liebten es, zu beobachten, wie die Lords zur Rettung eilten, nur um zu erfahren, dass es gar keine Bedrohung gab.

          Es ist fast überflüssig, zu erwähnen, dass 771 vor Christus, als wirklich Gefahr bestand und König You es mit den Feuern ernst meinte, niemand zur Hilfe kam. Die Horden von Rong und Di töteten You und brannten seine Stadt nieder. Zweitausend Jahre später beschrieb Dschingis Khan es so: „Die Stärke von Mauern beruht auf dem Mut derjenigen, die sie bewachen.“

          Präventivkriege gegen größere Bedrohungen

          Gegen Ende des dritten Jahrhunderts vor Christus, als der größte Teil von dem, was wir heute China nennen, ein Reich geworden war, hatten die Herrscher gelernt, den Mauerbau mit anderen Strategien zu kombinieren. Zum Beispiel mit Präventivkriegen. Die Vorstellung war, dass Mauern geringere Bedrohungen eindämmen würden. Große Militäroperationen würden größere Bedrohungen verhindern.

          Die Idee kam vom ersten Kaiser, der China 221 vor Christus einte und der später mit der berühmten Terrakotta-Armee beerdigt wurde. Der erste Kaiser verstand Kriege und Mauern weniger als defensive denn als offensive Werkzeuge. Es kann gut sein, dass er die erste Version der Chinesischen Mauer gebaut hat.

          Der Legende nach wurden Verbrecher dazu verurteilt, sie gemeinsam mit Sklavenbanden zu bauen. Für knapp jeden Meter der Mauer starb einer, heißt es. „Hast Du einen Sohn, so nähre ihn nicht“, beginnt ein Gedicht aus dieser Zeit. „Siehst Du nicht, dass die lange Mauer von Skeletten getragen wird?“ Als Resultat verleibte sich China riesige Steppenregionen ein und annektierte so große Teile des wichtigsten Territoriums der Nomaden.

          Auch Bestechung war keine langfristige Lösung

          Aber die Mauer bewirkte das genaue Gegenteil von dem, was der Kaiser beabsichtigt hatte: Wütend und von Hungersnöten bedroht, schlossen sich die Xiongnu zu einem einzigen großen Verband zusammen und begannen, massiv in China einzufallen. Der gängigen Strategie nach reagierte der erste Kaiser der neuen Han-Dynastie mit einer riesigen Invasion der Steppen 200 vor Christus. Doch er wurde von den Nomaden gefangengenommen. Davor hatte er rund 100 000 Männer in Kämpfen und weitere 100 000 an die Kälte verloren.

          Nach diesem Desaster fügten die Chinesen dem Mauerbau und dem Präventivkrieg eine dritte Strategie hinzu: Bestechung. Wenn Nomaden Dörfer überfielen und ausraubten, hatten die Grenzprovinzen es schwer, ihre Steuern zu bezahlen. Und es kostete das Kaiserreich ein Vermögen, mit neuen Mauern und Armeen zu reagieren. Daher dachten sich die Kaiser, wieso bezahlen wir die Nomaden nicht einfach für ihr Fernbleiben. Solange die Höhe der Bestechungsgelder den Verlust durch geringere Steuereinnahmen und die Ausgaben für Mauern und Soldaten nicht überstieg, schienen Schmiergelder keine so schlechte Idee zu sein.

          Schnell wurde jedoch klar, dass Nomaden zu bestechen genau die gleichen Schwierigkeiten mit sich bringt wie jede andere Art von Schutzgeldsystem. Zuerst wurde es immer teurer. Eine Quelle erzählt von einem vergleichsweise unbedeutenden Fürsten, der bei jedem seiner Besuche in Peking acht Säcke Silber, drei Anzüge aus spezieller königlicher Seide, 24 Paar königliche Unterwäsche, 91 Falken, zwei Pferde, 100 Pfeile, fünf Speere und 5000 Banknoten verlangte. Er kam häufig zu Besuch.

          Die Kosten für die Chinesische Mauer waren horrend - und nicht immer erfüllte sie ihren Zweck.
          Die Kosten für die Chinesische Mauer waren horrend - und nicht immer erfüllte sie ihren Zweck. : Bild: dpa

          Aus der für ihre Korruption bekannten Stadt Chicago stammt das Sprichwort: Ein ehrlicher Mann ist derjenige, der bestochen bleibt, wenn er bestochen wurde. Die Häuptlinge der Steppe hielten sich an solche Regeln nicht. Häufig nahmen sie Schmiergeld und plünderten trotzdem. Manche Schmiergelder erhöhten sogar die Wahrscheinlichkeit von Überfällen. Bereits 190 vor Christus verlangten die Stammesführer königliche chinesische Prinzessinnen als Teil ihrer Bezahlung. Doch jeder Häuptling, der eine bekam, machte aus ihr umgehend eine Geisel und es damit schwer für den Kaiser, sollte der Nomade sein Wort brechen.

          Die Verwaltung der Grenzen blieb eine heikle Angelegenheit, doch die fähigsten Kaiser (beziehungsweise ihre Staatsdiener) lernten, Zuckerbrot und Peitsche gleichermaßen einzusetzen. Das Geheimnis war, nur so wenig wie möglich zu bestechen und nur so oft in den Krieg zu ziehen wie nötig, damit das Plündern ein erträgliches Ärgernis blieb und keine Bedrohung für den Zusammenhalt des Reiches darstellte.

          Teures Mauer-Missmanagement

          Was die erfolgreichsten Kaiser jedoch nicht taten, war Mauern bauen, denn das war die teuerste Strategie von allen. Nur wenn sonst nichts mehr ging, kam man darauf zurück. Die Ziegelsteinvariante der Mauer, die heute auf einer Bustour von Peking nach Badaling zu besichtigen ist, war beispielsweise das Nebenprodukt eines militärischen Debakels aus dem Jahr 1449. Nach einem Jahrzehnt des Missmanagements an der Grenze entschied Kaiser Zhengtong sich für eine große Invasion der Steppen, die so gründlich schiefging, dass die Mongolen ihn gefangen nahmen.

          Zhengtong würde sich über die modernen Busse sehr wundern, denn für ihn symbolisierte der Bau der Mauer ein Eingeständnis des Scheiterns.

          Ein Tyrann vollendete die Chinesische Mauer

          Bis um 1450 wurde der Bau der neuen und verbesserten Chinesischen Mauer fortgesetzt, während ein antimongolischer Rassismus erstarkte. Die Kleidung und Sprache der Mongolen wurde in Peking verboten. Gewöhnlichen Chinesen wurden Einwanderer aus Zentralasien mehr und mehr suspekt.

          Unter Kaiser Jiajing, der von 1522 bis 1567 an der Macht war, wurde die Mauer ungefähr zu der, die wir heute kennen. Nach einhelliger Meinung war Jiajing ein entsetzlicher Kaiser – paranoid, ein Tyrann und beschränkt. Um den Mongolen zu schaden, unterband er jede Art von Handel und Einwanderung, doch die Konsequenzen waren auf beiden Seiten der Mauer verheerend. Die Armut wuchs, Aufstände wurden häufiger, und der Staatshaushalt geriet in die roten Zahlen. Trotzdem funktionierte die Mauer nicht. Migranten fanden immer ausgeklügeltere Wege, um ins Land zu kommen. Jiajing aber baute weiter, bis um 1570 eine kontinuierliche Barriere 6000 Kilometer entlang Chinas Nordgrenze verlief.

          Schwindelerregende Kosten ohne großen Nutzen

          Die Kosten waren schwindelerregend. 1576 betrug das Budget für den Mauerbau 75 Prozent des gesamten Staatshaushalts. Es muss nicht überraschen, dass die Mauer immer unterfinanziert, unterbesetzt und eine Baustelle blieb. Und als das Bauwerk vor seiner größten Bewährungsprobe stand, stellte es sich als nutzlos heraus.

          Die Moral unter den Wachsoldaten war zerstört. Sie hatten „erkannt, dass sie endlose, nutzlose Mauern um ein unwiederbringlich verdorbenes politisches Zentrum zogen“, wie eine Historikerin es beschreibt. Die Mandschu durchbrachen die Mauer im April 1644 und fielen weniger als drei Wochen später in Peking ein. Dort fanden sie den Kaiser. Er hatte sich erhängt. Zuvor hatte er noch einen Zettel an seine Kleider geheftet: „Hirnlos und an Tugend arm, habe ich mich vor den Himmeln versündigt. Beschämt meinen Vorfahren zu begegnen, sterbe ich.“

          Herrscher, die sich auf Mauern verlassen, bereuen es meistens.

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