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Naher Osten : Die saudische Lösung

Familiensache: Muhammad bin Salman (links) ersetzt seinen Cousin Muhammad bin Nayef als Kronprinzen. Bild: dpa

In Muhammad bin Salman gewinnt eine neue Generation der Herrscherfamilie in Saudi-Arabien an Einfluss. Aber wird diese Entscheidung zu mehr Stabilität führen?

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          Die Rivalen zeigen sich einträchtig. „Möge Gott deine Unterstützung sein“, sagt Muhammad bin Nayef zu dem Mann, der ihn gerade als Thronfolger verdrängt hat. „Möge Gott dir ein langes Leben schenken“, erwidert Muhammad bin Salman, der neue Kronprinz. Es werden noch ein paar weitere Freundlichkeiten und gute Wünsche ausgetauscht. Zur Begrüßung kniete der neue Kronprinz sogar vor seinem Vetter nieder, küsste dreimal dessen Hand und den Ärmel von dessen Gewand. Es ist eine Geste, die gemäß der Tradition Respekt vor dem Älteren ausdrückt. Es ist zugleich die Ehrerbietung eines Mannes, der nicht davor zurückschreckte, solche alten, ungeschriebenen Gesetze der Herrscherfamilie zu übertreten, um seinen rasanten Aufstieg zum Thronfolger fortzusetzen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Mit dem Dekret des saudischen Königs, der am Mittwoch seinen 31 Jahre alten Sohn zum Ersten Kronprinzen machte, ist ein schwelender Konflikt in der Herrscherfamilie mit einer deutlichen Botschaft beendet worden. Muhammad bin Salman, „MBS“ genannt, der Lieblingssohn des Königs, hat endgültig das Rennen gemacht. Mit ihm drängt eine neue, selbstbewusste und machtbewusste Generation an die Macht, welche die Politik des Königreiches über Jahrzehnte prägen könnte. Der alte Monarch hatte zuletzt mehrere junge Prinzen in wichtige Posten gehievt. Auch mit der Ernennung Muhammad bin Salmans zum Thronfolger steigen wieder Männer von dessen Generation auf.

          Eine Zeit des Widerspruchs

          Mit dem Aufstieg der Generation MBS ändert sich der Ton in den arabischen Golfstaaten. Der neue Kronprinz fühlt sich nicht mehr so sehr an die Traditionen der alten Männer gebunden, die bislang die Politik dominierten. So ist etwa eine Geschichte aus dem September 2015 überliefert, wie MBS, damals Zweiter Kronprinz, seinen älteren Vetter – den damaligen Kronprinzen – bloßstellte und zugleich den amerikanischen Botschafter brüskierte. Dieser wollte zu einem Treffen mit Muhammad bin Nayef nach Dschidda fliegen. Doch der amerikanische Diplomat wurde abgefangen und umgeleitet. Muhammad bin Salman müsse ihn dringend sehen.

          Auch die außenpolitischen Gepflogenheiten am Golf werden durch den neuen saudischen Kronprinzen erschüttert. So ist die Härte, mit der allen voran Saudi-Arabien und die Vereinten Arabischen Emirate den Konflikt mit Qatar austragen, ein Traditionsbruch, den Beobachter am Golf als nie dagewesen beschreiben und der die politische Kultur verändere. Spannungen und Machtkämpfe hatte es unter den Herrscherfamilien der arabischen Golfstaaten schon immer gegeben. Aber im Zweifel setzte man auf Konsens, nicht auf Konfrontation. Dass jetzt qatarische Staatsbürger zwangsweise ausgewiesen werden, weil die Nachbarstaaten dem Emirat Terrorfinanzierung vorwerfen, widerspricht den Gepflogenheiten und Stammesgesetzen der Gastfreundschaft.

          „Wir werden wohl kaum dort einmarschieren können.“

          Dass der bisherige Zweite Kronprinz irgendwann zum Thronfolger aufsteigen würde, hatte sich schon länger abgezeichnet. Muhammad bin Nayef, der bis zum Mittwoch nicht nur Kronprinz, sondern auch Innenminister gewesen war, hatte in der Vergangenheit entsprechende Signale ausgesandt. Mehrmals verließ er zum Teil für mehrere Wochen das Land, zog sich zurück, beteiligte sich nicht an den Regierungsgeschäften. Die Abwesenheiten überbrachten zwei Botschaften: Erstens wurde so Unzufriedenheit mit der derzeitigen Politik zum Ausdruck gebracht, zweitens wurde deutlich gemacht, dass Muhammad bin Nayef einen offenen Machtkampf mit seinem jüngeren Vetter nicht führen will.

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          Der nun entmachtete Kronprinz, ein erfahrener und auch in Washington gut vernetzter Antiterrorkämpfer, gehörte zu den Bedenkenträgern, was die aggressive Politik Muhammad bin Salmans betrifft. Er hatte den saudischen Jemen-Krieg nicht mit entschiedener öffentlicher Unterstützung flankiert. Aber er war offenbar nicht stark genug, die Familie hinter sich zu versammeln. Am Ende entscheidet ohnehin der König.

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