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Angriff auf Ölanlagen : Saudische Verwundbarkeit

Ein Sicherheitsmann vor der Öl-Raffinerie im Abqaiq Bild: dpa

Riad investiert Milliarden in Waffen. Wieso konnte das Königreich die Attacke auf das Herz seiner Ölindustrie nicht verhindern?

          3 Min.

          Saudi-Arabien hat Hunderte Milliarden Dollar in seine Rüstung investiert. Auf keine Bevölkerung der Welt kommen so viele Waffen pro Kopf. Wie kann es sein, dass die Saudis trotzdem völlig wehrlos gegen die jüngste Attacke auf ihre Ölanlagen waren?

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als der saudische Oberst Turki bin Saleh al-Malki in einer Pressekonferenz am Mittwoch danach gefragt wurde, konnte er seinen Ärger nur schwer verbergen: „Wir retten unsere Nation, wir retten unser Land. Wenn Sie denken, wir haben versagt: Also wir sind sehr stolz auf unsere Verteidigung.“ Das konnte kaum darüber täuschen, dass sich das saudische Militär blamiert hat.

          Wie immer in Saudi-Arabien wird man über die Aufklärung der internen Abläufe nichts erfahren. Der verantwortliche Offizier dürfte allerdings Glück haben, wenn er mit dem Leben davonkommt, wie ein amerikanischer Militärfachmann anmerkte.

          Denn diesmal wurde nicht nur ein einzelner Tanker angegriffen, sondern das Herz der saudischen Ölindustrie: Die Raffinerie in Abqaiq ist die größte ihrer Art. Sieben Millionen Barrel werden täglich hier verarbeitet, das sind mehr als fünf Prozent der weltweiten Versorgung.

          Wer genau hinter dem Angriff steckt, ist weiterhin nicht klar. Die Houthi-Rebellen im Jemen reklamierten die Tat zwar für sich, doch es ist schwer vorstellbar, dass sie zu so ausgeklügelten Luftschlägen fähig sind. Aus Washington und Riad hieß es, dass die Angriffe aus dem Norden geflogen wurden und nicht aus dem Süden, wo der Jemen liegt. Der amerikanische Außenminister bezichtigte deshalb sofort Iran. Und auch in Riad hieß es, alles deute auf die iranischen Revolutionsgarden hin.

          Die Saudis hätten es besser wissen müssen

          Doch unabhängig davon, woher die Raketen kamen und ob wirklich Iran sie angeordnet hat – für Saudi-Arabien ist asymmetrischer Krieg eigentlich nichts Neues. Im Jemen hat das Königreich sich schließlich nicht mit einer konventionellen Armee angelegt, sondern mit Rebellen.

          Und die haben den Saudis durch ihre Guerrilla-Taktik immer wieder empfindliche Niederlagen zugefügt. Im Juni etwa trafen jemenitische Marschflugkörper den saudischen Flughafen in Abha. Trotz modernster Ausrüstung gelingt es dem Königreich seit vier Jahren nicht, den Krieg für sich zu entscheiden, den Kronprinz bin Salman selbst angezettelt hat.

          Seit diesem Frühling kommen Sabotageangriffe auf Pipelines und Öltanker hinzu. Das iranische Regime erhöht erklärtermaßen den Druck auf die Ölindustrie seiner arabischen Nachbarn, seit es die Hoffnung auf eine Rückkehr zum Atomabkommen begraben hat. Der iranische Präsident Rohani drohte erst kürzlich, dass auch die anderen Golfstaaten kein Öl mehr exportieren sollten, wenn Iran daran gehindert werde.

          Im August warnten amerikanische Wissenschaftler des Center for Strategic and International Studies vor einem Angriff auf die Anlage in Abqaiq, da sie mit ihren Lagertanks und Kompressorzügen besonders verwundbar sei.

          Daraus folgte – nichts. Der saudische Oberst verwies am Mittwoch auf die vielen ballistischen Raketen, die sein Militär bisher erfolgreich abgefangen habe. Doch genau darin liegt das Problem: Gegen derartige Angriffe mögen die Saudis sich verteidigen können, nicht aber gegen tieffliegende Drohnen und Marschflugkörper ohne vorhersehbare Flugbahn. Die bleiben buchstäblich unter dem Radar. Erst wenn sie über dem Horizont auftauchen, werden sie sichtbar – doch dann ist es meistens schon zu spät, um zu reagieren.

          Veraltete Systeme und fehlendes Knowhow 

          Auf solche Angriffe waren die Saudis schlicht nicht vorbereitet. Sie haben zwar hochmoderne Kampfflugzeuge, aber die Abwehrsysteme sind veraltet. Auch in Abqaiq waren amerikanische Patriot-Raketen stationiert, wie Satellitenbilder nahelegen, allerdings ebenfalls Oldtimer. Der amerikanische Militärwissenschaftler Michael Duitsman nannte die Luftverteidigung in Abqaiq „formidabel – jedenfalls nach Maßstäben von 1995“.

          Selbst modernste Waffen nützen aber nichts, wenn es an Knowhow fehlt. Im Jemen ist Riad voll auf amerikanische Unterstützung angewiesen. Doch manchmal können nicht mal die Amerikaner helfen. So berichtete die „New York Times“ 2016 unter Berufung auf das amerikanische Außenministerium, dass saudische Soldaten es nicht vermochten, Houthi-Rebellen ausfindig zu machen, die in saudisches Territorium eingedrungen waren – obwohl die Amerikaner ihnen die Positionen durchgaben.

          Das könnte daran liegen, dass Posten im Königreich lieber an Vetter vergeben werden als an die besten Offiziere. Viele Prinzen finden es vor allem schick, eine Luftwaffenausbildung zu machen. Schwierig macht die Verteidigung außerdem, dass die saudischen Einheiten verschiedenen Chefs unterstehen. So ist nicht das Verteidigungsministerium, sondern das Innenministerium für die Öl-Infrastruktur verantwortlich.

          Für Saudi-Arabien ist das zwar alles peinlich, birgt aber auch eine Chance: Riad kann nun die Opferrolle spielen und Vertrauen zurückgewinnen. Das war vor allem mit dem brutalen Mord am Journalisten Jamal Khashoggi verlorengegangen.

          Doch auch die abenteuerliche Entführung des libanesischen Ministerpräsidenten und die humanitäre Katastrophe im Jemen wurden zu einem enormen Imageproblem für den saudischen Kronprinzen und mit ihm für das gesamte Königreich. Iran wirkte zwischen diesen Ereignissen plötzlich wie der verlässlichere Partner. Nun hat Riad die Chance, diese Wahrnehmung umzudrehen.

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