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Kinderhandel-Skandal : Sarkozy rügt Hilfsorganisation in Tschad

  • Aktualisiert am

Unklar bleibt, wie die Kinder ausgewählt wurden Bild: AP

Sie wollten 10.000 Kinder aus Darfur retten - für 2800 bis 6000 Euro je Kind: Nun wurden 17 Europäer wegen mutmaßlichem Kinderhandel festgenommen. Der französische Präsident verurteilte das Vorgehen der Hilfsorganisation „L'Arche de Zoé“ als „illegal und unverantwortlich“.

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          Der französische Staatspräsident hat das Vorgehen der französischen Hilfsorganisation „L’Arche de Zoé“ in Tschad als „illegal und unverantwortlich“ verurteilt. Die Organisation hatte versucht, mehr als hundert afrikanische Kinder aus der westsudanesischen Provinz Darfur nach Frankreich auszufliegen, um sie „vor dem sicheren Tod zu retten“.

          Die französische Regierung versicherte am Montag ihren europäischen Partnern, dass durch den Skandal um den angeblichen Kinderhandel der anstehende militärische Tschad-Einsatz der EU nicht in Frage gestellt werde. Sarkozy sagte, der tschadische Präsident Déby habe ihm garantiert, dass die Affäre keinen Einfluss auf den geplanten Militäreinsatz habe.

          „Was hätten wir tun sollen?“

          Bis zu 3000 Soldaten einer europäischen Einsatztruppe (Eufor) sollen im Osten Tschads und im Norden der Zentralafrikanischen Republik die vom Darfur-Konflikt betroffenen Krisenzonen stabilisieren. Der französische Außenminister Kouchner hatte maßgeblich dafür geworben, Flüchtlingslager militärisch abzusichern und den Transport von Nahrungsmitteln und Medikamenten vor Rebellenangriffen zu schützen.

          Eric Breteau (2. v. links) und weitere Mitglieder der Hilfsorganisation „L'Arche de Zoé”

          Frankreich, das schon mit der Operation „L’Epervier“ in Tschad präsent ist, soll den EU-Einsatz leiten. Unklar bleibt weiter, warum die französische Armee in Tschad „L’Arche de Zoé“ logistisch unterstützte und beispielsweise Mitarbeiter der Gruppe wiederholt in Transportflugzeugen in die Krisenregion mitnahm. Die Staatssekretärin für Menschenrechte, Rama Yade, sagte am Montag im Rundfunk, das französische Außenministerium habe „alles getan, was möglich war“, um die Mitarbeiter von ihrem Plan abzubringen. „Was hätten wir tun sollen? Wir haben gewarnt, wir haben die anderen Ministerien informiert, unsere Auslandsvertretungen. Alle sind unterrichtet worden, die Familien sind jedes Mal gewarnt worden. Wir haben die Justiz eingeschaltet. Was hätten wir noch mehr machen können?“, äußerte Rama Yade. Sie leitet den Krisenstab zu der Affäre im Außenministerium. Ein Sprecher des Vereins teilte mit, die Polizei habe schon am Freitag das Büro der Organisation durchsucht. Erste Ermittlungen hätten schon im Sommer begonnen.

          Schecks in Höhe zwischen 2800 und 6000 Euro

          „L'Arche de Zoé“ war nach dem Tsunami in Asien 2004 von Geländewagen-Liebhabern und Freiwilligen Feuerwehrleuten gegründet worden. Ihren Verein benannten sie nach einem asiatischen Waisenmädchen, für das sie in Frankreich Adoptiveltern gefunden hatten. Der Vorsitzende des Vereins, Eric Breteau, wird von Bekannten als „Schwärmer“ und „Weltverbesserer“ beschrieben, der die Medienaufmerksamkeit suche. Breteau zählt zu den insgesamt 17 Europäern, die aufgrund ihrer Beteiligung an dem mutmaßlichen Kinderhandel in Tschad festgenommen wurden.

          Breteau hatte zunächst den Vereinsmitgliedern versprochen, 10.000 Kinder aus Darfur zu retten. Monatelang appellierte „L'Arche de Zoé“ mit E-Mails und Briefen an mögliche Adoptiv- oder Gastfamilien, ein Kind aus Darfur aufzunehmen. Die interessierten Familien mussten Schecks in Höhe zwischen 2800 und 6000 Euro auf den Verein ausstellen. Breteau und ein Dutzend Mitstreiter flogen im September nach Tschad und stellten sich unter dem erfundenen Namen „Children Rescue“ (Kinder-Rettung) als Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation vor.

          Die tschadische Repräsentantin des UN-Kinderhilfswerks Unicef, Mariam Coulibaly Ndiaye, sagte im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Unicef habe von der französischen Organisation vor dem Skandal nichts gewusst. Lediglich seien den UN-Mitarbeitern in Abéjé bisweilen die Franzosen in T-Shirts mit der Aufschrift „Children rescue“ aufgefallen; man habe aber „keinen Kontakt gesucht“. An Sitzungen zur Koordinierung der humanitären Helfer hätten Vertreter von „Arche de Zoé“ nicht teilgenommen. Wie viele Hilfsorganisationen in Tschad aktiv seien, könne nur die tschadische Regierung wissen.

          Déby kündigt „harte“ Strafen an

          Die 200 französischen Soldaten, die für die Mission „Epervier“ in Abéché im Osten Tschads im Einsatz sind, leisteten der Gruppe ebenso logistischen Beistand wie das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR). Unter größter Geheimhaltung wurde eine Boeing 757 gechartert, mit spanischer Besatzung und belgischem Piloten. Dieser Flugzeugtyp hat üblicherweise 200 bis 220 Sitzplätze. Da die Kinder Armbänder mit Nummern trugen und die höchste Zahl größer als 103 ist, besteht der Verdacht, es seien noch mehr Kinder zum Transport nach Frankreich vorgesehen gewesen.

          Die Unicef-Sprecherin sagte, sie habe in Abéché 103 Kinder gezählt; diese seien wohlauf und inzwischen in einem Kinderheim untergebracht, das den tschadischen Behörden unterstehe. Unicef sei mit dem UNHCR an der Untersuchung weiterer Einzelheiten beteiligt. Bisher sei es nicht gelungen, die Herkunft der einzelnen Kinder zu klären. Einige seien Staatsbürger Tschads, andere stammten aus Sudan. Für Adoptionen gebe es in Sudan und in Tschad jeweils klare Regeln, welche internationalen Standards genügten und „transparent“ seien. An diese Regeln hatten sich die Franzosen nicht gehalten.

          Unklar bleibt, wie die 103 Kinder ausgewählt wurden, die nach Frankreich geflogen werden sollten. Nach ersten Informationen waren die Kinder verbunden worden, um den Eindruck einer sanitären Rettungsaktion zu erwecken. Laut „Arche de Zoé“ handelte es sich um Waisenkinder. Der tschadische Staatspräsident Déby sprach von „Kinderhandel und Entführung“ und kündigte an, die Verantwortlichen würden dafür „hart bestraft“.

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