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Sarkozy im Wahlkampf : Das starke Frankreich ist aus dem Häuschen

„Das Herz Frankreichs“: Mehr als 50.000 Anhänger und wohl ebenso viele Trikolore-Fahnen erwarteten Sarkozy am Sonntag in Villepinte Bild: AFP

„Wir werden gewinnen“: Sarkozys Anhänger jubeln laut wie lange nicht. Der französische Präsident umwirbt die Euro-Skeptiker - eben weil er ein überzeugter Europäer sei.

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          „Das starke Frankreich“ steht morgens früh auf, auch am Sonntag. „La France forte“ ist in großen Lettern auf den T-Shirts geschrieben, die sich Isabelle, Roland und Marie übergestreift haben, schon im Morgengrauen, als ihr Bus losfuhr Richtung Villepinte, zu der Messehallenanlage zwischen dem Pariser Großflughafen Charles de Gaulle und dem Stade de France. Nicolas Sarkozy hat seine Anhänger, die Anhänger des „starken Frankreich“ eingeladen, und zu zigtausenden sind sie gekommen, aus allen Landesteilen, in Reisebussen, Sonderhochgeschwindigkeitszügen oder überfüllen Vorortbahnen.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Villepinte solle einen Wendepunkt im Wahlkampf markieren, das sagt auch Roland, ein Student aus Lyon, der eine Trikolore-Fahne schwenkt, mit den Füßen trommelt und „Nicolas, Nicolas“ brüllt. „Die Medien haben Nicolas Sarkozy schon verloren gegeben, aber wir werden zeigen, dass alles noch möglich ist“, sagt Marie. Es sind auffallend viele junge Leute im Saal, wie Isabelle darunter etliche, die 2012 zum ersten Mal bei den Präsidentenwahlen ihre Stimme abgeben können.

          Der Präsident lässt auf sich warten

          Die Stimmung ist aufgeheizt, mehr als 50.000 Anhänger und wohl ebenso viele Trikolore-Fahnen erwarten den Präsidenten, dem sie eine zweite Amtszeit wünschen. François Fillon, seit fünf Jahren sein treuer Premierminister, erhält viel Applaus, als er „das Herz Frankreichs“ beschwört, das in der Messehalle von Villepinte schlage, „ein Herz, das stärker ist als alle Umfrageergebnisse“. „Nicolas Sarkozy ist nicht allein“, sagt der Regierungschef, „Tausende und Abertausende sind entschlossen, den Sieg zu erringen“. Das ist genau das, was der Saal hören will. Ein Fahnenmeer verhüllt den Blick auf das Rednerpult, das kunstvoll auf einer runden, weißen Insel abgehoben vom Rest der Halle ruht. „On va gagner“, „wir werden gewinnen“, singt die Menge.

          Vive la France! Der Präsident kündigte eine Protektionismusoffensive an
          Vive la France! Der Präsident kündigte eine Protektionismusoffensive an : Bild: AFP

          Der Präsident lässt auf sich warten. Bernadette Chirac tritt an das Rednerpult. Die frühere Première Dame trägt eine abgedunkelte Brille, aber nimmt es wacker mit dem Scheinwerferlichtgewitter auf, um dem Präsidenten ihrer „vollen Unterstützung“ zuzusagen. Dann darf Gérard Depardieu, der Schauspieler, seinen „neuen Freund“ Nicolas Sarkozy loben, „über den man so viel Schlechtes hört, obwohl er so viel Gutes tut“. Schließlich reißt noch Henri Guaino das Wort an sich, Sarkozys Redenschreiber, der jetzt auch selbst Redner ist. Er imitiert die Mimik von De Gaulles Kulturminister André Malraux und beschwört Nicolas Sarkozy, „der nicht nur unser Kandidat ist, sondern unser ganzes Hoffen!“

          Sarkozy verspricht, dass es keinen Stillstand geben werde

          Endlich betritt Nicolas Sarkozy den Saal, die Menge ist schon außer sich, ihr Jubeln überschallt fast die Filmmusik, die jetzt zum Einzug des Kandidaten-Präsidenten aufgespielt wird. Sarkozy schüttelt Hände, er ist der nahbare Kandidat, anders als 2007 verzichtet er auf Distanz. Im Hintergrund prangt sein neues Wahlplakat: „La France forte, c’est vous!“ - „Das starke Frankreich seid ihr!“. Der Präsident verbeugt sich verbal vor dem Volkswillen, vor den Bürgern, den er jetzt so nahe sein will wie nie zuvor. „Ich will direkt zum französischen Volk sprechen“, sagt er. In seiner nächsten Amtszeit, verspricht er, wolle er Blockaden per Volksabstimmung überwinden.

          „Ich habe verstanden, dass die wahren Blockaden nicht vom französischen Volk ausgehen, sondern von gewissen Gewerkschaften, von gewissen Organisationen, von gewissen Gruppen, die ein Interesse am Stillstand und am Konservatismus haben“, sagt Sarkozy. Er verspricht, dass es mit ihm keinen Stillstand geben werde, weil Frankreich sich das nicht leisten könne. „Frankreich kann die großen Entscheidungen nicht aufschieben. Deshalb werde ich jedes Mal die Meinung der Franzosen in einem Referendum erfragen, wann immer jemand bestimmte Interessen gegen das Gemeinwohl durchzusetzen versucht“, ruft Sarkozy unter brausendem Applaus.

          Protektionismusoffensive soll notfalls allein vollzogen werden

          Das starke Frankreich“ sieht Sarkozy als Motor eines neuen, seine Interessen schützenden Europas. Er habe immer an Europa geglaubt, sagt Sarkozy, aber jetzt verspricht er eine Wende, er will die „Nein-Sager“, die Europaskeptiker mit der EU versöhnen. Deshalb verlangt er, das Schengen-Abkommen zu überarbeiten, er spricht voll Verve und droht, dass Frankreich nicht zusehen werde, wenn ein Staat seinen Grenzschutzverpflichtungen nicht nachkomme. „Wir brauchen eine politische Regierung des Schengen-Abkommens, wie es künftig eine Wirtschaftsregierung für die Eurozone gibt“, sagt Sarkozy. „Wir brauchen eine Gemeinschaftsdisziplin für die Grenzkontrollen, so wie es eine Gemeinschaftsdisziplin für die öffentlichen Finanzen in der Eurozone gibt“, sagt Sarkozy. Deshalb müsse es auch Sanktionsmöglichkeiten gegen Staaten geben, die ihre Verpflichtungen nicht erfüllten. Auch das Ausländerrecht und das Asylrecht unter den Schengen-Staaten müsse angeglichen werden. „Ja zum freien Binnenmarkt, nein zu unkontrollierten Einwanderungsströmen“, ruft der Kandidat, dem die Bundeskanzlerin beim jüngsten Treffen in Paris zusicherte, sie werde ihn unterstützen, „egal was er tut“.

          Als Wahlkämpfer zweifelt Sarkozy auch am Freihandelsprinzip, das die EU prägt. Im verschärften internationalen Wettbewerb müsse Europa mit den gleichen Instrumenten wie die große Freihandelsnation Amerika kämpfen, sagt Sarkozy. Er verlangt nach amerikanischem Vorbild einen „Buy European Act“. Staatliche Aufträge innerhalb der EU müssten künftig für europäische Unternehmen reserviert sein. „Frankreich wird verlangen, dass kleinen und mittelständischen europäischen Betrieben ein Marktanteil zugesichert wird“, sagt Sarkozy. Diesen protektionistischen Schritt wolle er notfalls allein vollziehen, sollten die Verhandlungen in der EU darüber binnen Jahresfrist nicht vorangekommen sein. Das „buy french“-Gebot leitet Sarkozy schon im Wahlkampf, alle Kampagnen-T-Shirts werden von einem bretonischen Unternehmen und nicht von der asiatischen Billigkonkurrenz hergestellt.

          Sarkozy weiß, dass seine Protektionismusoffensive bei den befreundeten Staats- und Regierungschefs nicht nur auf Beifall stoßen wird. Aber, sagt er unter dem Jubel der Menge, er wolle auch die Nein-Sager gewinnen, die zuletzt 2005 den europäischen Verfassungsvertrag im Referendum zu Fall brachten. „Weil ich ein überzeugter Europäer bin, will ich Europa verändern“, so Sarkozy. Die Bundeskanzlerin hat er entgegen seiner Gewohnheit nicht erwähnt. Auch vom „Modell Deutschland“ ist nicht mehr die Rede. „Vive la République! Vive la France!“, schließt der Kandidat. Die „Marseillaise“ erklingt. „Wir werden gewinnen“, summen die Anhänger, als sie aus dem Messegebäude strömen.

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