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Sarkozy bei Benedikt XVI. : Der Präsident und die Religion

Sarkozy, demnächst Ehrenkanonikus der Sankt-Johannes-Basilika Bild: AFP

Sarkozy reist an diesem Donnerstag zu Papst Benedikt XVI., um einen kirchlichen Ehrentitel anzunehmen - wie es der Tradition entspricht. Doch für Sarkozy bedeutet der Besuch noch mehr: Die Frage „der Religionen“ beschäftigt ihn seit langem.

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          „Extrem wichtig“ hat der Elysée-Palast die Reise des französischen Staatspräsidenten Sarkozy in den Vatikan an diesem Donnerstag genannt. Papst Benedikt XVI. empfängt Sarkozy am Vormittag zur Audienz. Der Sprecher des Präsidenten, David Martinon, sagte, der Präsident nehme das Treffen zum Anlass, „seinen Respekt und seine Verbundenheit“ zum Ausdruck zu bringen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Frage „der Religionen“ beschäftige Sarkozy seit langem. Seine Überlegungen mündeten in das 2004 veröffentlichte Buch „Die Republik, die Religionen, die Hoffnung“ (Cerf). Es fasst Gespräche zusammen, die Sarkozy mit dem Dominikanerpater Philippe Verdin und dem Philosophen Thibaud Collin führte. Sarkozy entwickelt darin die Idee einer „positiven Laizität“ im Gegensatz zu einer „aggressiven und sektiererischen Laizität“.

          „Frankreich ist mehrheitlich katholisch, aber nicht nur das“

          Die Vorstellung, dass „der Staatspräsident an der Seite der katholischen Kirche steht, in den schlechten wie in den guten Stunden“, verteidigte Sarkozy auch Ende November im Sitz des Pariser Erzbistums. Der Präsident hatte sich ausgebeten, Kardinal André Vingt-Trois, der zugleich der französischen Bischofskonferenz vorsteht, mit einer Rede zu seiner Kardinalswürde zu gratulieren. Sarkozys Vorgänger haben in der Vergangenheit auf Ehrerweisungen an hohe Kirchenvertreter mit Hinweis auf die seit 1905 geltende Trennung von Kirche und Staat verzichtet.

          „Ich gehöre zu jenen, die glauben, dass es wichtig ist in einer laizistischen Gesellschaft, die Stimmen jener zu hören, die von einem spirituellen Engagement getragen werden“, sagte Sarkozy in seiner Ansprache. Er sehe nur ein „geringes Risiko, dass der Staat von einer Religion dominiert wird“. Sarkozy sagte, es sei wichtig anzuerkennen, dass das heutige Frankreich auf „der Begegnung der christlichen und der laizistischen Werte“ gründe. „Frankreich ist mehrheitlich katholisch, aber nicht nur das“, sagte Sarkozy. Der Präsident will seine Landsleute einstimmen auf den Papstbesuch 2008, bei dem Benedikt XVI. im Pilgerort Lourdes erwartet wird.

          Außergewöhnliches Mitspracherecht des Elysée-Palastes

          Während seines Besuchs im Vatikan wird Sarkozy auch an eine seit Henri IV. bestehende Tradition anknüpfen und den Titel des Ehrenkanonikus der Sankt-Johannes-Basilika im Lateran annehmen. Henri IV. hatte 1604, nachdem er sich 1593 vom Protestantismus abgekehrt hatte und 1594 in der Kathedrale von Chartres gekrönt worden war, die Einnahmen der Abtei von Clairac (Lot-et-Garonne) der Lateranbasilika übertragen. Zwei Jahrhunderte lang finanzierte die reiche Abtei somit den Klerus im Lateran. Als Dank wurde Henri IV. der Ehrentitel zugewiesen, der von der Monarchie auf den obersten Repräsentanten der Republik überging.

          Lediglich in der schlimmsten Zeit des Kirchenkampfes zwischen 1905 und 1921 wurde die Tradition unterbrochen. Mit Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Französischen Republik und dem Vatikan 1921 traten die Vorrechte der französischen Staatspräsidenten wieder in Kraft. Frankreich als „älteste Tochter der Kirche“ wurde 1921 vom Heiligen Stuhl eine Ausnahmeregelung eingeräumt, die den Staatspräsidenten ein Mitspracherecht bei der Nominierung der Bischöfe gibt.

          Verkürzte Zeremonie für den zweifach Geschiedenen

          Mit Ausnahme der Diözesen von Metz und Straßburg fragt der Heilige Stuhl vor Ernennungen im Elysée-Palast nach, ob „politische Gründe“ dagegen sprechen. Der Gründer der Fünften Republik, General de Gaulle, legte großen Wert darauf, seine Vorrechte auszuüben. Er bewahrte unter anderem auch die Tradition, die es Präsidenten als Nachfolger der Monarchen erlaubt, dem apostolischen Nuntius in Paris ihr Kardinalsbirett zu verleihen. So kniete Kardinal Paolo Marella im Dezember 1959 vor Präsident de Gaulle, der ihm das Birett aufsetzte. De Gaulle nahm über den französischen Botschafter im Vatikan auch Einfluss auf das Konklave nach dem Tod von Pius XII. De Gaulles Nachfolger Pompidou hingegen akzeptierte zwar den Titel des Ehrendomherrn der Lateranbasilika, reiste aber nicht wie sein Vorgänger in den Vatikan.

          Laut Sarkozys Sprecher haben alle Präsidenten seit de Gaulle den Titel angenommen; lediglich Giscard d'Estaing und Chirac begleiteten dies mit einer Zeremonie in der Sankt-Johannes-Basilika. Beim zweifach geschiedenen Präsidenten Sarkozy wurde darauf geachtet, keine Messe in der Basilika zu zelebrieren. Er wird in einer verkürzten Zeremonie den Titel des Kanonikus annehmen.

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