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Sarajevo : Vor dem Krieg ist nach dem Krieg

  • -Aktualisiert am

Blick auf die Gräber: Sarajevo im Oktober Bild: Markus Bickel

Mehr als 10.000 Menschen wurden während der Belagerung Sarajevos durch die Soldaten Radovan Karadzics getötet. 14 Jahre nach ihrem Ende herrscht in der bosnischen Hauptstadt der Pessimismus.

          In Karadzics altem Hinterhof stehen ein paar junge Männer und schlagen die Zeit tot. Damir hat gerade eine Schachtel Zigaretten besorgt, freudig begrüßt von seinen Kumpels. Viel mehr Abwechslung für die Gelegenheitsarbeiter und Arbeitslosen, die sich vor den Garagen versammelt haben, gibt es nicht. Aus einer Mülltonne springt ein Kätzchen, Rauch steigt auf aus den Schornsteinen des Hauses, in dem einst der spätere Präsident der bosnisch-serbischen Republika Srpska wohnte.

          Kurz vor Kriegsbeginn 1992 zog Radovan Karadzic hier weg und schlug sein Hauptquartier im nahe gelegenen „Holiday Inn“ auf, dem gelb leuchtenden Hotelblock, der für die Olympischen Winterspiele 1984 gebaut wurde. Von dort ging es weiter in die Berge von Pale - ein Abschied für immer aus der Stadt, in der ihm der Aufstieg vom montenegrinischen Landjungen zum Dichter und Psychiater gelang. Von April 1992 bis Dezember 1995 ließ er Sarajevo belagern, über tausend Tage lang, mehr als 10.000 Menschen wurden dabei getötet. „Verbrechen verübt mit dem Ziel, durch Scharfschützen- und Granatbeschuss Terror unter der Zivilbevölkerung Sarajevos zu verbreiten“, wirft ihm das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag deshalb vor.

          Früh erwachsen - und doch nicht groß geworden

          Zurück blieben die Amirs, Edins und Gorans: Kinder und Jugendliche, als Karadzics Truppen die in einem Tal gelegene Stadt einkesselten - früh zum Erwachsensein gezwungen, und doch nie richtig groß geworden. „Stillgestanden!“ ruft Elvedin Kominlija zum Spaß in die Runde. Die anderen lachen. Zu Beginn der Belagerung stieg der Vater einer pubertierenden Tochter schnell zum Distriktkommandierenden auf, zwei der Versammelten waren ihm unterstellt; erst als die bosnische Armee ihre Reihen straffer organisierte, wurde er zum Hauptmann degradiert. Mit Gelegenheitsjobs versucht Kominlija nun die Familie über Wasser zu halten, seine Frau arbeitet für umgerechnet 250 Euro im Monat als Kassiererin in einem Supermarkt. „Der nächste Krieg kommt bestimmt“, sagt er, 14 Jahre nach Ende der Kämpfe.

          Verschlossene Türen: Sarajevo im Oktober

          Ein Satz, der öfter fällt dieser Tage in Sarajevo. Die Stimmung ist schlecht, für ein bisschen Aufhellung sorgte zuletzt nur die Qualifikation für die Play Offs zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika nächstes Jahr. Die Hoffnung auf eine rasche Annäherung an die Europäische Union aber, wie sie den einstigen jugoslawischen Schwesterrepubliken Slowenien und Kroatien gelang, ist dahin.
          Auch im Büro des Hohen Repräsentanten auf der anderen Seite des Flusses Miljacka, der hier die Front bildete zwischen muslimischen und bosnisch-serbischen Einheiten, herrscht Ernüchterung.

          Ein paar Schneereste liegen auf der Brücke, die hinüber zu dem weißen würfelförmigen Gebäude führt, der Winter kam früh dieses Jahr. „Verglichen mit 1996, ist die Lage jetzt viel, viel besser, aber wir erleben gerade die schlimmste Zeit der vergangenen drei Jahre mit den höchsten Spannungen“, sagt Valentin Inzko, seit März Leiter der bei den Friedensverhandlungen von Dayton 1995 geschaffenen Protektoratsbehörde.

          Keine Eigenverantwortung

          Auf einem Häuserdach im Blickfeld des Österreichers wirbt eine Bank mit dem Spruch: „Wir werden die ersten sein.“ Dem aber ist nicht so, selbst Serbien hat die einstige Tito-Republik auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft abgehängt, bis vergangenes Jahr galt alle Aufmerksamkeit der Balkan-Politiker in Brüssel dem Kosovo. Zwar hatte schon der zweite internationale Verwalter, Wolfgang Petritsch, auf die Eigenverantwortung der Bosnier gesetzt - und unter dem Stichwort „Ownership“ für ein baldiges Ende der Protektoratsherrschaft plädiert. Auch der Deutsche Christian Schwarz-Schilling, der wegen mangelnder Unterstützung aus Brüssel und Berlin seinen Job 2007 quittierte, vertraute zunächst in die Einsicht der bosnischen Nachkriegspolitiker, nachdem er die harte Hand seines Vorgängers, des Briten Paddy Ashdown, zuvor als entmündigend kritisiert hatte.

          Doch die lokalen Akteure machten der internationalen Gemeinschaft immer wieder einen Strich durch die Rechnung: Nicht das Wohl des Gesamtstaates stellen sie an erste Stelle, sondern das Bedienen ethnonationalistischer Vorurteile, daran hat sich seit dem Amtsantritt des ersten „High Rep“ 1995, des Schweden Carl Bildt, wenig geändert. Erst vergangene Woche scheiterte wieder einmal ein von der EU initiierter Versuch, die beiden als Entitäten bezeichneten Teilstaaten - neben der von Karadzic gegründeten Republika Srpska ist das die in zehn Kantone untergliederte muslimisch-kroatische Föderation - zugunsten des Gesamtsstaats zu schwächen.

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