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San Marino in Corona-Zeiten : Zwergenaufstand auf dem Monte Titano

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Der heftige Streit zwischen San Marino und den umliegenden italienischen Regionen wurde durch den Umstand ausgelöst, dass in der Enklaven-Rrepublik derzeit weniger strenge Regeln gelten als in Italien: Restaurants dürfen bis zur Sperrstunde um Mitternacht geöffnet bleiben, in Italien müssen sie schon um 18 Uhr zusperren, auch tritt die Ausgangssperre dort schon um 22 Uhr in Kraft. Dieser Umstand habe zu einer „immigrazione della tagliatelle e dello spritz“, frei übersetzt einer Nudel- und Aperolflucht, aus Italien nach San Marino geführt, wie es die Medien in Rimini formuliert haben: In der Stadt an der Adria leben allein fünf Mal so viele Menschen wie in der gesamten Enklaven-Republik, und viele junge „Riminesi“ nutzen das Zeitfenster der unterschiedlichen Einschränkungen zwischen 18 und 22 Uhr zu einem Ausflug in das nur zwanzig Kilometer entfernte San Marino, um dort ein beliebtes Nudelgericht und einen noch beliebteren Aperitif zu sich zu nehmen. Riminis Bürgermeister Andrea Gnassi und weitere Stadtoberhäupter der Region haben sich deshalb mit einem Appell unter dem Titel „Das Virus kennt keine Staatsgrenzen“ an die Regierung von San Marino gewandt und diese aufgefordert, von „den Possen abzulassen“ und sich den strengeren italienischen Bestimmungen anzuschließen. Die Tagliatelle- und Spritz-Migration stelle eine Gefahr für beide Seiten dar, argumentieren sie.

Die Zurechtweisung durch italienische Lokalpolitiker ist bei der Nationalregierung von San Marino, wo man auf 1700 Jahre Selbstbestimmung zurückblickt, nicht gut angekommen. „Uns gefällt der Ton nicht, in dem sich örtliche Vertreter an die Regierung eines anderen Staates wenden, der nun einmal andere Regeln erlassen hat als Italien“, ließ Außenminister Federico Pedini Amati am Wochenende wissen. In der Angelegenheit werde man auf Augenhöhe allenfalls mit Rom sprechen, aber nicht mit Rimini. Im Übrigen nehme San Marino die Pandemie nicht weniger ernst als in Italien, im Einzelhandel und in der Gastronomie würden die einschlägigen Hygiene- und Abstandsvorschriften streng eingehalten. Tatsächlich wird in einem Supermarkt von San Marino an der Kasse die Einhaltung der Abstandsregel strenger durchgesetzt als in den Römer Filialen der gleichen Kette. Und beim Besuch eines Restaurants an der Piazza della Libertà im Herzen der Altstadt von San Marino fühlt sich der Kunde vor einer potentiellen Infektion eher noch besser geschützt als in einer Osteria drüben in Italien: Die Tische stehen weit voneinander entfernt, das Personal trägt Mund-Nasen-Schutz und desinfiziert sichtbar mehrfach die Hände. „Wir sind nicht Las Vegas“, sagt der Betreiber des Restaurants und versichert: „Wir arbeiten hier unter Einhaltung aller Hygiene- und Abstandsbestimmungen. Menschenansammlungen hat es bei uns in San Marino nie gegeben.“ Die Bürgermeister drunten in Italien wollten in Wahrheit nicht ihre Bevölkerung vor dem Virus, sondern bloß die heimische Gastronomie vor der Konkurrenz aus San Marino schützen.

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