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Griechenland : Samaras geißelt den Faschismus

Der deutsche Soldatenfriedhof auf Kreta. Die griechischen Soldaten mussten die Insel erst nach langen Kämpfen gegen die Nationalsozialisten aufgeben. Bild: picture alliance / Rainer Haclen

Am Jahrestag der deutschen Eroberung Kretas mahnt Griechenlands Regierungschef Antonis Samaras: Der Rechtsradikalismus habe keinen Platz in seinem Land. Und er hält am Ort der Schlacht von 1941 gleich noch eine Wahlkampfrede.

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          Der Ministerpräsident kommt pünktlich. Für halb sieben am Abend war seine Ankunft angekündigt, und um zwei Minuten nach halb sieben erscheint Antonis Samaras, seit 2012 Regierungschef Griechenlands, um auf einem Feld unweit des griechischen Ortes Maleme die Ehrenformation der Soldaten abzuschreiten, die hier in der vorsommerlichen Hitze Kretas auf ihn gewartet hat. Es ist ein historischer Ort und ein historischer Tag: Hier begann vor 73 Jahren, am 20. Mai 1941, die Schlacht um Kreta, die Hitlers Soldaten unter gewaltigen Verlusten im Kampf gegen Griechen, Briten und Neuseeländer für sich entschieden.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Samaras nutzt das Datum, um in einer pathetischen Rede geschickt die patriotischen Gefühle seiner Landsleute in die Gegenwart zu lenken – denn am Sonntag finden in Griechenland nicht allein, wie überall in der EU, Europawahlen statt, sondern auch die Stichentscheide der griechischen Kommunalwahlen.

          „Goldene Morgenröte“ erhielt in Athen mit 16 Prozent Stimmen

          Es geht also darum, wer die Griechen künftig in Straßburg vertritt und wer in den Rathäusern von Athen, Thessaloniki sowie den anderen großen Städten des Landes das Sagen hat. Und eines ließ sich schon zum Zeitpunkt von Samaras' Auftritt in Kreta sagen: Im Europaparlament wird Griechenland künftig auch durch Abgeordnete der rechtsradikalen Partei „Goldene Morgenröte“ repräsentiert werden. In der ersten Runde der Kommunalwahlen am vergangenen Sonntag schnitt die fremdenfeindliche und gewaltverherrlichende Partei erschreckend gut ab. In Athen erhielt ihr Kandidat 16 Prozent der Stimmen.

          Hier in Maleme will Samaras nun seinen Landsleuten ins Gedächtnis rufen, dass ihrer Eltern und Großeltern einst gegen jene Ideologie gekämpft haben, die heute von der „Goldenen Morgenröte“ verherrlicht wird: „Die Schlacht von Kreta ist der erste Akt des Widerstands im besetzten Europa“, stellt Griechenlands Ministerpräsident unter dem Beifall der etwa 1000 Zuhörer fest.  „In jenen Tagen“, sagt er, „marschierten die Nazis überall. Sie verschluckten ganze Länder in wenigen Tagen. Niemand wagte es, sich ihnen zu widersetzen!“ Nur das heldenhafte Kreta habe sich damals erhoben, sagt Samaras, und die Kreter applaudieren. „Es war der Augenblick, in dem Kreta die Ehre Europas rettete.“ Noch größerer Applaus.

          „Kampf für Demokratie und Freiheit endet nie“

          Nun schlägt Samaras den Bogen zur Gegenwart: „Heute werden das Blut, die Aufopferung und die historische Erinnerung brutal verletzt von jenen, die wieder Nazi-Symbole tragen. Von solchen, die als widerwärtige Geister umgehen und uns daran erinnern, dass der Kampf für Demokratie und Freiheit nie endet. Von jenen, die heute die übelsten Unterdrücker verehren, die Griechenland je erlebt hat.“ Ohne die Partei beim Namen zu nennen, warnt er die „Morgenröte“, dass sie keine Chance habe in Griechenland: „In diesem Land gedeiht der Faschismus nicht.“

          Erinnerte mahnend an die Vergangenheit: Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras
          Erinnerte mahnend an die Vergangenheit: Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras : Bild: AFP

          Die Wahlergebnisse sprechen eine andere Sprache. Eine Arbeitslosenrate von etwa 27 Prozent (und um die 50 Prozent unter Jugendlichen) hat zu einer Radikalisierung der griechischen Parteienlandschaft geführt. Rechtsradikale, aber auch linke und rechte Populisten sowie Kommunisten kommen in Umfragen auf etwa die Hälfte der Stimmen. Griechenlands politische Mitte ist bedroht.

          Samaras versucht, seine Rede optimistisch zu beenden: Griechenland werde bald wieder aufblühen, „indem wir die Krise und alles was zur Krise führte, hinter uns lassen! Weil die Motoren unserer Wirtschaft wieder anspringen! Weil wir Jahre des Wachstums und Wohlstands vor uns haben!“ Natürlich gibt es Applaus, aber er ist verhaltener as zu Beginn der Rede. Die Schlacht um Kreta hat man am Ende gewonnen, die Schlacht gegen Griechenlands Staatsbankrott dauert noch an.

          Die Russen verstehen nur Hitler

          Im nahen Hotel „Louis Creta Princess“ in Maleme, einer Bettenburg der einfachen Kategorie, steht derweil die Abendfütterung der Gäste auf dem Programm. Das „Louis Creta Princess“ ist überwiegend in russischer Hand. In langen Schlangen stehen gerötete Touristen aus dem Norden vor dem Buffet mit viel Frittiertem, als draußen mit markerschütterndem Getöse ein Kampfflieger der griechischen Armee vorbeidonnert.

          Er ist nach Samaras' Rede aufgestiegen, zum Andenken an die Schlacht von Kreta. Einige Kinder fürchten sich vor dem Lärm und weinen. Ein Gast aus Russland fragt einen Kellner, was denn da draußen los sei. Aber sein Englisch ist schlecht, und so versteht er von der Antwort, dass der Ministerpräsident nach Maleme gekommen sei, um an den Jahrestag der Schlacht um Kreta zu erinnern, nur das Wort „Kreta“.

          Der Kellner wiederholt seinen Satz in doppelter Lautstärke, aber der russische Gast versteht Englisch weder laut noch leise. „Hitler“ sagt der Kellner schließlich und zeigt nach draußen, wo der Kampfflieger eine neue Runde dreht. „Ah, Gitler!“, bestätigt der Russe und nickt verständnisvoll. Nun ist er alles klar, man hat sich verstanden. Der Kampfflieger dreht eine neue Runde, die Teller im Buffet vibrieren. Der Konvoi mit Ministerpräsident Samaras fährt ab. In vier Tagen sind Wahlen. Es ist ein wolkenloser und klarer Tag, genau wie damals, als über Kreta plötzlich die Deutschen vom Himmel fielen.

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