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Saif al Islam Gaddafi : Der Exzentrische

Saif al Islam („Schwert des Islam”) Gaddafi Bild: dpa

Offen wie nie kritisiert Saif Gaddafi die Zustände in Libyen. Sogar den Vater, dem niemand öffentlich zu widersprechen wagt, korrigierte er vor laufenden Kameras. Mit der schonungslosen Kritik spricht er offenbar vielen jüngeren Libyern aus dem Herzen. Von Hans-Christian Rößler.

          Statt dunkler Anzughose trägt er lieber Markenjeans, und den Hemdkragen lässt er gerne offen. Saif al Islam Gaddafi liebt den lässigen Auftritt. Was er aber in dieser Woche ausländischen Journalisten erzählte, war alles andere als eine belanglose Plauderei. „Ja, sie wurden mit Elektroschocks gefoltert, und ihnen wurde gedroht, ihren Familien werde etwas zuleide getan“, sagte der Sohn des libyschen Revolutionsführers über die fünf bulgarischen Krankenschwestern und den Arzt palästinensischen Ursprungs, die bis vor kurzem in libyscher Haft waren - unschuldig, wie er freimütig eingestand: Die mehr als 400 Kinder seien schon vor ihrer Ankunft in Libyen mit dem Aids-Erreger HIV infiziert worden. Libyen und die Europäer hätten sich halt jahrelang nur gegenseitig erpresst.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          In wenigen Sätzen ließ der 35 Jahre alte Saif al Islam („Schwert des Islam“) alle Gründe für einen Konflikt in sich zusammenfallen, der die Beziehungen zwischen Libyen und dem Westen acht Jahre schwer belastete - und acht Ausländer um ein Haar vor ein Erschießungskommando gebracht hätte. Saif Gaddafi ist für seine Offenheit bekannt, aber so weit wie jetzt wagte er sich bisher noch nicht vor. Denn es war sein Vater Muammar Gaddafi, der die Parole ausgegeben hatte, das ausländische Krankenhauspersonal habe „im Auftrag von Mossad und CIA“ die Kinder in Bengasi absichtlich infiziert. Niemand in Libyen wagte bisher, ihm öffentlich zu widersprechen, bis Saif Gaddafi ihn jetzt vor laufenden Kameras korrigierte und fast wie einen Lügner dastehen ließ.

          Vom Dandy zum Staatsmann

          Acht Kinder hat Muammar Gaddafi, aber nur sein ältester Sohn aus der (zweiten) Ehe mit einer früheren Krankenschwester scheint in politischen Fragen so sehr sein Vertrauen zu genießen wie Saif. Es waren jedoch auch bei Saif exzentrische Vorlieben und Beschäftigungen, die in der Familie weit verbreitet zu sein scheinen, denen er im Ausland seine erste Bekanntheit verdankte. So wollte Saif Gaddafi auf die Gesellschaft seiner beiden weißen Tiger Freddo und Barny auf keinen Fall verzichten, als er Ende der neunziger Jahre zu einem Wirtschaftsstudium nach Wien kam. Erst nach erheblichen diplomatischen Verwicklungen fanden die beiden Raubtiere im Schönbrunner Zoo Asyl.

          Über seine Zukunftspläne weiß man nichts Näheres

          Saifs Bruder Saadi wiederum versuchte sich - erfolglos - in Italien als Profifußballer; Schwester Aisha gehörte zu den Verteidigern Saddam Husseins. Der jüngere Bruder Hannibal wurde in Paris zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er seine schwangere Freundin krankenhausreif geschlagen hatte.

          Im Unterschied zu seinen Geschwistern aber machte Saif Gaddafi bald nicht mehr in der Boulevardpresse auf sich aufmerksam: Anstelle des Dandys gibt er schon seit einigen Jahren lieber den Staatsmann. Formell hat er aber in Tripolis kein Amt inne, worauf ein Regierungssprecher erst in der vergangenen Woche sichtlich genervt hingewiesen hatte.

          Bei Freund Haider in Österreich

          Das ist verständlich, denn immer wieder spielt die von Saif Gaddafi im Jahr 1997 gegründete Gaddafi-Stiftung eine wichtigere Rolle als das Außenministerium. Sie brachte zuletzt die Entschädigungslösung für die Familien der HIV-infizierten libyschen Kinder zustande, die es der Führung in Tripolis erst erlaubte, die zum Tode verurteilten Ausländer zu begnadigen und ausreisen zu lassen. Zuvor hatte die Stiftung eine wichtige Rolle gespielt bei der Entschädigung für die Opfer der Anschläge auf ein amerikanisches und ein französisches Verkehrsflugzeug über dem schottischen Ort Lockerbie und über Niger sowie des Attentats in der Berliner Diskothek „La Belle“; auch bei der Befreiung deutscher und anderer Geiseln auf der Insel Jolo hatte die Gaddafi-Stiftung gute Dienste geleistet.

          Auf seinen Vermittlungsmissionen scheint es Saif Gaddafi zu helfen, dass er sich leichter in Europäer hineindenken kann als die Generation seines Vaters, die einst in Libyen Revolution machte und sich eher als arabische Nationalisten oder Befürworter der afrikanischen Einheit verstehen. Saif Gaddafi pendelt dagegen zwischen Libyen und Europa. In London besitzt er ein Haus, und in Österreich bezeichnet er den Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider als einen Freund, der ihn auch regelmäßig in Libyen besucht.

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