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Saif al Islam al Gaddafi : Schwierige Familienverhältnisse

Ohne Notizen: Saif Gaddafi Bild: Reuters

Saif al Islam al Gaddafi hat sich nach langem Schweigen zu Wort gemeldet. Er gilt als Rivale jener Brüder, die im Sicherheitsapparat Karriere gemacht haben und die Proteste niederschießen sollten.

          Auf einmal tauchte Saif al Islam al Gaddafi wieder auf. Der Sohn des libyschen Revolutionsführers Muammar al Gaddafi, der zuletzt durch sein Schweigen auffiel, wandte sich in der Nacht auf Montag im Staatsfernsehen an seine Landsleute. Dem Diktatorensohn eilt der Ruf eines Reformers voraus. Sein Auftritt erinnerte an die langatmigen Ansprachen seines irrlichternden Vaters. Saif al Islam erklärte gleich zu beginn, er werde im Dialekt und nicht auf Hocharabisch – als ein Libyer eben – zu den Libyern sprechen. Er habe auch kein Redemanuskript vorbereitet.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Lässig zurückgelehnt vor einer grün-weiß gefärbten Weltkarte, belehrte Saif das libysche Volk über seine Optionen. Aber seine Nervosität konnte er nicht verbergen. Manchmal wirkte der sonst so eloquente Kosmopolit im grauen Anzug verzweifelt. Es war eine weitschweifende, oft zusammenhangslose Rede, die aber eine zentrale Botschaft hatte. Jetzt gebe es für das Land nur eine Alternative: Ein Ende des Aufstands und Reformen oder einen blutigen Bürgerkrieg, der die Teilung des Landes und bittere Armut zur Folge haben werde.

          Bis zur letzten Patrone

          „Wir stehen am Scheideweg“, bekräftigte Saif und verglich die angeblich drohende Teilung des Landes in Ost und West mit der zwischen Nord- und Südkorea. Er sprach von Banden, die mit Waffen ausgerüstet seien und die Straßen unsicher machten, von Leuten, die im Drogenrausch mit Panzern herumführen, von ausländischen Agenten und ausländischen Medien, die das Land schwächen wollten, von Islamisten, die unabhängige Emirate ausgerufen hätten, von imperialistischen Amerikanern, die daraufhin sicher bald mit ihren Flugzeugträgern vor der libyschen Küste auftauchen würden, von Auslandslibyern, die im sicheren Europa oder Kanada abwarteten, bis sich die Leute in Libyen gegenseitig aufgerieben hätten, um dann die Macht zu übernehmen. Brot werde unbezahlbar werden, wenn es zum Chaos komme, sagte Saif Gaddafi. Und wer solle dann den Ölreichtum verteilen? Er beendete die Rede mit einer offenen Drohung: Die Armee werde bis zum letzten Mann, bis zur letzten Frau, bis zur letzten Patrone kämpfen.

          Weniger eindeutig waren die Reformversprechen. „Ein neues Libyen“ solle geschaffen werden, sagte der Sohn des Staatschefs. Aber das meiste, was konkret angekündigt wurde, kennt die Bevölkerung. Eine neue Verfassung, von der Saif al Islam sprach, wird ihnen seit Jahren in Aussicht gestellt. Auch von der Stärkung lokaler Institutionen ist schon lange die Rede. Gleiches gilt für die versprochenen Beratungen des Allgemeinen Volkskongresses über eine Öffnung. Doch der hat bisher immer angestrebt, was „Genosse Führer“ anstrebte – und das waren nicht Dinge wie Presse- oder Versammlungsfreiheit. Der Sitz des Kongresses soll inzwischen unter der Kontrolle der Gaddafi-Gegner sein. So bestätigte das Fernsehspiel vom Sonntagabend den Verdacht, dass das Regime gegen einen umfassenden Kontrollverlust ankämpft. Saif al Islam bestätigte zumindest indirekt einige Erfolgsmeldungen der Regimegegner.

          War das der lustlose Auftritt des vom Vater zurechtgestutzten und noch immer beleidigten Reformpolitikers? Oder hatte ihn der Vater aus purer Verzweiflung geschickt, weil seine andere Söhne es nicht vermocht hatten, die Proteste mit brutaler Waffengewalt zu beenden? Kam Saif al Islam al Gaddafi so schlecht vorbereitet ins Studio, weil sein Auftritt Gegenstand eines Machtkampfes innerhalb der Führung war, dessen Ausgang lange ungewiss war?

          Gegen den Willen seines Vaters hätte Saif al Islam wohl kaum im Fernsehen auftreten dürfen, sagt Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Sollte Muammar Gaddafi einen Lieblingssohn haben, so macht er es allerdings niemandem einfach, diesen zu identifizieren. „Zu keinem der prominenteren Söhne hatte er ein permanent ungetrübtes Verhältnis“, sagt Isabelle Werenfels. Gaddafi habe „institutionalisiertes Chaos“ zum Führungsprinzip erhoben.

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