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Russlands Zollunion : Eine EU à la Putin

Putin (Mitte) bespricht mit den Staatschefs aus Weißrussland und Kasachstan, Aleksandr Lukaschenka (links) und Nursultan Nasarbajewin, die Lage in der Ukraine Bild: AP

Der vermeintliche Verlust der Ukraine an den Westen beunruhigt Putin. Russland hat andere Pläne für seine Anrainerstaaten. Aus der Zollunion soll langfristig eine „Eurasische Union“ werden.

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          Als den „wirtschaftlichen Schlüsselpartner der Zollunion“ hat Wladimir Putin die Ukraine am Mittwoch bezeichnet. Daher rufe die „außergewöhnliche Situation“ des Landes „ernsthafte Beunruhigung“ hervor, sagte Russlands Präsident zur Eröffnung eines Treffens mit den Staatschefs von Russlands Partnern in der Zollunion, Weißrussland und Kasachstan, am Mittwoch nahe Moskau. Tatsächlich dürften Aleksandr Lukaschenka und Nursultan Nasarbajew nicht nur die wirtschaftliche Situation der Ukraine beunruhigen, sondern auch die harsche Reaktion Putins auf den vermeintlichen Verlust des Landes an den Westen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Zollunion soll zu einem einheitlichen postsowjetischen Raum werden, eine Freihandelszone mit gemeinsamem Außenzoll und freiem Verkehr von Kapital, Arbeit und Dienstleistungen. Anfang 2015 wird sie zur „Eurasischen Wirtschaftsunion“; im Mai, wie Putin nun wieder hervorhob, soll der Vertragsentwurf dazu fertig sein. Langfristig strebt Putin eine „Eurasische Union“ an. Ähnlichkeiten zur EU sind gewollt; ein wesentlicher Unterschied besteht indes in der drückenden Dominanz Moskaus. Armenien wurde im vergangenen Jahr auf Moskauer Druck zum Beitrittskandidaten und soll laut einer Moskauer Mitteilung vom Samstag nun im April beitrittsreif sein. Die kirgisische Regierung hat beklagt, die Zollunion habe den Zeitplan zum Beitritt ihres Landes ohne ihre Mitwirkung verabschiedet. Zur Abhängigkeit Weißrusslands und Kasachstans von Russland trägt bei, dass sie von Präsidenten beherrscht werden, die andernorts als „letzter Diktator Europas“ (Lukaschenka) oder schlicht als „Machthaber“ (Nasarbajew) gelten. Sie haben immer wieder protektionistische und hegemoniale Bestrebungen des Kremls beklagt. Mit Blick auf das Vorgehen gegen die Ukraine haben diese Bestrebungen eine neue Qualität bekommen.

          Droht eine „humanitäre Mission“ bald nicht nur der Ukraine?

          Indiz für die Beunruhigung in Minsk ist ein zaghafter Lockruf Richtung Westen. Lukaschenka ließ seinen Außenminister Wladimir Makej am Dienstag mitteilen, Weißrussland wolle „enge Beziehungen“ zur EU. „Wir haben nie gesagt, dass wir buchstäblich morgen Mitglied der EU werden wollen“, äußerte er, aber langfristig könne man das nicht ausschließen. Es gehe Minsk um die Ausweitung der wirtschaftlichen und humanitären Beziehungen. Dann, so Makej, würden „die Leute“ in Weißrussland „allmählich“ die „Anziehungskraft der EU spüren“.

          Das alles bedeute nicht, dass man mit Russland brechen wolle: Man lege Wert darauf, mit beiden Seiten gute Beziehungen zu pflegen. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder halbherzige Versuche aus Minsk, den Dialog mit der EU, die Sanktionen gegen das Regime verhängt hat, wiederaufzunehmen; diese macht das von der Freilassung politischer Gefangener abhängig. Das dürfte für Lukaschenka derzeit angesichts des Umsturzes in der Ukraine mehr denn je ausscheiden. So ist die Äußerung seines Ministers vor allem Ausdruck des Dilemmas des Diktators: Aus der – auch finanziellen – Abhängigkeit von Moskau kommt er nicht heraus.

          Die russische Seite hatte vor Mittwoch ein „regelmäßiges Treffen“ der drei Staatschefs angekündigt. Hingegen hatte Nasarbajew nach einem Telefonat mit Putin und Lukaschenka am Montag mitteilen lassen, er habe eigens ein Treffen der Vertreter der Zollunion zur Situation in der Ukraine „in allernächster Zeit“ angeregt, um über Maßnahmen gegen „gefährliche Tendenzen“ zu diskutieren. Insgeheim mag Nasarbajew auch Putins Drohung mit einer „humanitären Mission“ in der Ukraine, die im Parlament mit dem Schutz von Russen begründet wurde, Sorgen bereiten. In Kasachstan sprechen rund 22 Prozent der Bevölkerung Russisch.

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