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Putins Apologeten : Der starke Wladimir

Bedient den Traum vom starken Mann: Russlands Präsident Putin (auf dem Apec-Gipfel Mitte November in Peking) Bild: AFP

Putin bedient eine Sehnsucht, die nicht nur in Russland weit verbreitet ist: die Sehnsucht nach politischer und geistiger Führung. Für heimatlos gewordene Konservative ist er der letzte Kreuzritter, der gegen die Verirrungen der Moderne zu Felde zieht. Dass er dabei Werte mit Füßen tritt, die ihnen wichtig sind, übersehen sie.

          Russische Märchen haben schon immer die Herzen der Deutschen erwärmt. Otfried Preußler verwob einige der Figuren und Mythen dieser sagenhaften Welt zu der wunderbaren Geschichte vom starken Wanja: dem Bauernjungen, der sieben Jahre auf dem Backofen lag, um danach als Kraftprotz in die Welt zu ziehen und Zar zu werden. Nur ein Kindertraum? In Russland ist er wahr geworden. Wladimir Wladimirowitsch Putin stieg, nachdem er in Dresden fünf Jahre lang auf der Lauer gelegen und dort Kräfte gesammelt hatte, vom einfachen KGB-Agenten zum mächtigsten Mann Russlands auf, zum Zaren des 21. Jahrhunderts. Der starke Wanja konnte das Dach seines Hauses in die Höhe stemmen. Vom starken Wladimir erhoffen sich seine Anhänger im Osten wie im Westen, dass er eine aus dem Gleichgewicht geratene Welt aus den Angeln hebt und sie geraderückt, auf dass sie endlich so werde, wie man sie sich schon lange erträumt.

          Die Russen hat Putin davon überzeugt, dass er die Kraft und die Macht dazu habe. Der reitende, jagende und schwimmende Präsident, der sich in freier Natur mit nacktem Oberkörper zeigte, schuf nach dem Chaos und dem Niedergang der Jelzin-Jahre wieder Ordnung und Sicherheit in seinem Reich, auch Sicherheit für die schon Schlange stehenden Investoren aus dem Westen. Den Preis, den er dafür verlangte, war Unterwerfung unter sein Regime der „gelenkten Demokratie“. Die Russen zahlten ihn, weil Putin auch noch dafür sorgte oder es wenigstens zuließ, dass der auf Öl und Gas gründende Wohlstand breitere Bevölkerungsschichten erreichte.

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          Aber auch der seelischen Not von Mütterchen Russland nahm er sich an. Mit der Heimholung der Krim und seinem Säbelrasseln lindert Putin die Phantomschmerzen, die Russland plagen, seit es sein Kolonialreich vor der Haustür verloren hat. Putin gibt dem russischen Volk das Gefühl, nach Jahren der Schwäche als starker Wanja aufgewacht zu sein, der sich weder von einer Hexe noch von einem neidischen Großfürsten von seiner Bestimmung abhalten lässt: über das verheißene Land der weißen Berge zu herrschen und den Platz in der Geschichte einzunehmen, der ihm zusteht.

          Sehnsucht nach starker Führung

          Im Westen gibt es dafür Verständnis. Es wird aus drei Quellen gespeist. Die eine ist der vor allem in Deutschland ausgeprägte Schuldkomplex, der vom Zweiten Weltkrieg bis hin zur Nato-Osterweiterung reicht: armes überfallenes, gedemütigtes, betrogenes Russland! Die zweite ist ein nicht nur politischer Antiamerikanismus, der nach einer Gegenmacht sucht, die der als problematisch wahrgenommenen Amerikanisierung der Welt (politisch, kulturell, technologisch) Einhalt gebietet. Die dritte Quelle ist das damit zusammenhängende Streben nach einem Gegenmodell zu den „dekadenten“ und „orientierungslosen“ Gesellschaften des Westens. Es wird begleitet von der Sehnsucht nach starker politischer und geistiger Führung, wie sie auch in Deutschland immer wieder (vor allem von starken Wirtschaftsführern) gefordert wird, natürlich im Rahmen der gegebenen demokratischen Strukturen.

          Doch der Traum vom starken Mann reicht auch über diese Grenzen hinaus. Putin bedient ihn gerne, weswegen er im rechtspopulistischen und rechtsextremen Milieu nicht nur verstanden, sondern verehrt wird - obwohl sein Feldzug in der Ukraine doch angeblich der Bekämpfung des Faschismus dient, der dort wieder sein schreckliches Haupt erheben soll. Doch nicht jede(r) nimmt eine Propaganda für bare Münze, deren Hauptzweck ist, das russische Volk bei der Stange zu halten. Putins Antifaschismus-Legende hindert jedenfalls Marine Le Pen nicht daran, den Kreml-Herrn öffentlich zu preisen, und das nicht nur, weil russisches Geld dem Front National aus der Klemme hilft. Sie erklärte Putin, der ostentativ die Nähe zur orthodoxen Kirche sucht, zum letzten Verteidiger des Christentums in Europa.

          In der Rolle des Heiligen Georg

          Dessen Bekenntnis zu den „alten Werten“ beeindruckt auch sich zunehmend heimatlos fühlende Konservative, die in Putin den letzten Kreuzritter sehen (wollen), der gegen die Verirrungen der Moderne zu Felde ziehe: Homo-Ehe, Gender Mainstreaming, Conchita Wurst. Putin schlüpft für sie gerne in die Rolle des heiligen Georgs, der dem Drachen des „Werteverfalls“ mit Lanze und Schwert entgegentritt. Erstaunlich ist, wie wenig es manche Konservative interessiert, dass Putin auf seinem Kreuzzug mit seinen gepanzerten Füßen auf Werten und Prinzipien herumtrampelt, die ebenfalls zu ihrem Wertegebäude gehören: Freiheit, Selbstbestimmung, Herrschaft des Rechts.

          Putins Apologeten links wie rechts seiner Bahn versuchen den von ihm innerhalb und außerhalb Russlands angerichteten Schaden mit dem Einwand zu relativieren, der amtierende Präsident sei das Beste, was zu haben sei, es werde nur Schlimmeres nachkommen. Das ist ein trauriger Befund für eine Gesellschaft, die dem Westen mindestens moralisch überlegen sein soll. Aber welcher deutsche Märchenliebhaber lässt sich schon von solchen Widersprüchen den Glauben daran nehmen, dass der starke Wladimir doch noch ein guter Zar wird, mit einer so schönen wie weisen Wassilissa an seiner Seite und einem dankbaren Volk zu seinen Füßen?

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