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Putins Rede an die Nation : Wahlkampf als Waffenschau

Willkommen zur Waffenschau: Russlands Präsident Wladimir Putin gibt eine Rede zur Lage der Nation. Bild: AP

Wladimir Putin bereitet sich auf die nächste Amtszeit vor. Der russische Präsident beginnt seine Rede an die Nation mit einer langen Aufzählung von Problemen – und begeistert seine Zuhörer dann mit neuen Wunderraketen.

          Seit Donnerstag wissen Russland und die Welt, was sie von den Jahren 2018 bis 2024, Wladimir Putins nächster Amtszeit als Präsident, zu erwarten haben: eine Politik der nuklearen Volksraketen. Ballistische Interkontinentalraketen, welche jede Flugabwehr überwinden können; Marschflugkörper mit unbegrenzter Reichweite; Raketen, die von einem Unterseeboot und von einem Flugzeug abgefeuert werden und Kriegsschiffe oder Städte zerstören: All das führt Putin in seiner „Botschaft“ genannten Rede zur Lage der Nation vor. Er ließ dazu Filme abspielen, die er „Videos“ nennt, die aber größtenteils Computeranimationen sind; darin sind – laut Putin auf der ganzen Welt einzigartige – Wunderwaffen zu sehen, die um den Erdball rasen, und zwar zuverlässig in Richtung Nordamerika. Etwas schlicht wirken die Bilder, wie ein frühes Computerspiel.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Vielleicht versichert Putin deshalb, dass die Waffen schon existierten, gut funktionierten, in Serie produziert würden. Er ruft die Russen dazu auf, für einige der neuen Raketen, die bisher unbenannt sind, Namensvorschläge auf der Website des Verteidigungsministeriums abzugeben. Russland ist, so stellt es Putin dar, nicht nur wehrhaft und unbezwingbar, sondern auch ein Land zum Mitmachen, dessen Volk dank „unserer Geschlossenheit“ von Erfolg zu Erfolg eilt.

          Die Waffenschau ist der Höhepunkt der Rede, ja des politischen Lebens in Russland seit langer Zeit. Immer wieder stehen die rund tausend Zuhörer im Saal auf. Der Jubel ist groß, die Augen von Leuten, die ihre besten Lebensjahre in der Sowjetunion verbracht haben, leuchten. So war es zuletzt bei Putins Rede aus Anlass der Annexion der Krim am 18. März 2014 im Kreml. Wer hätte das gedacht noch kurz zuvor gedacht: Wie anders waren die Bilder, als Putin siebzig Minuten lang wieder einmal Wohltaten für Kinder, Familien, Rentner versprach, Mancher griff schon zum Smartphone. Frauen mit Betonfrisuren wie aus den Zeiten, als Leonid Breschnew Partei, Staat und Warschauer Pakt führte, blickten starr zur Bühne, während Putin mit oft gehörten Worten eine rosige Zukunft versprach. Dann aber, mit dem ersten Waffenfilm, zeigen die Kameras des Staatsfernsehens Putins Politikpersonal, das sich am Zerstörungspotential ihres Landes regelrecht berauscht. Es ist, als hätte jemand in einen schlaffen Körper mit einer großen Spritze Adrenalin injiziert. Der Saal zuckt auf. Viele lachen triumphierend, nachdem wieder eine neue Rakete gezeigt worden ist. Ein Bild des Triumphs.

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