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Militärparade verschoben : Keine Panzer auf dem Roten Platz

Russische Kadettinnen marschieren am 9. Mai 2019 während der Militärparade zur Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Roten Platz. Bild: dpa

Das Coronavirus zerstört Putins Pläne für dieses Frühjahr. Nun ist auch Russlands größtes politisches und gesellschaftliches Jahresereignis verschoben – die Militärparade zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

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          Wie sehr das Coronavirus Wladimir Putins Pläne für dieses Frühjahr gestört hat, zeigt die Verschiebung von Großereignissen. Ende März, als Russlands offizielle Fallzahlen noch dreistellig waren, ordnete der Präsident an, die für den 22. April vorgesehene Volksabstimmung über die Verfassungsreform, die ihm den Verbleib im Amt bis 2036 ermöglicht, zu verschieben, um Ansteckungsrisiken zu verringern. Russlands größtes politisches und gesellschaftliches Jahresereignis nannte Putin da noch nicht: die Parade am 9. Mai zum Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg. Der Kreml hat ihr in den vergangenen Jahren immer größere, identitätsstiftende Bedeutung gegeben.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Den Rahmen der diesjährigen Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau zum 75. Jahrestag des Kriegsendes hatte Verteidigungsminister Sergej Schojgu im Februar vorgestellt: 15.000 Soldaten, neue Raketen, Gefechtsfahrzeuge und Panzer, Soldaten in historischen Uniformen und legendären T-34-Panzern, um die „Atmosphäre des siegreichen 1945“ aufleben zu lassen. Dabei ist der Erinnerungsreigen auch ein Schlüsselmoment in Putins geopolitischen Bemühungen. Vor fünf Jahren, nach der Krim-Annexion, war kein westlicher Staats- und Regierungschef zur Parade nach Moskau gekommen.

          Macron hatte sich für dieses Jahr angekündigt

          Jetzt ist die Lage vorteilhafter. Für dieses Jahr hatte sich unter anderen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angekündigt. Jüngst hat Moskau die Corona-Krise zur Imagepflege genutzt, mit Hilfsaktionen des Militärs in Italien und Serbien sowie einer spektakulären Lieferung von Schutzmaterial und Beatmungsgeräten nach New York. Putin nahm die Pandemie zum Anlass, die Aussetzung von Sanktionen zu fordern.

          Doch mittlerweile hat ihn die Lage in Russland eingeholt. Die Fallzahlen steigen nun auch offiziell rasant an, am Freitag auf mehr als 32.000. Das Virus ist nun in allen Regionen einschließlich der ukrainischen Krim nachgewiesen, schon jetzt sind viele Krankenhäuser überlastet. Unter Druck hat die Regierung jetzt die Verteilung von Hydroxychloroquin erlaubt: Das Präparat wird eingesetzt, um Malaria zu behandeln, die Effektivität gegen das Coronavirus ist umstritten, doch hat ein chinesisches Unternehmen Zehntausende Packungen kostenfrei nach Russland geliefert.

          Eine Parade ohne Personen über 65 Jahre?

          Um den 9. Mai zu retten, hatte die Präsidialverwaltung noch vor kurzem eine Parade ohne „Personen über 65 Jahre, einschließlich Veteranen“ erwogen. Am Mittwoch wurde klar, dass Kompromisse nicht reichen: Laut dem Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses der Duma, Wladimir Schamanow, baten Veteranenorganisationen Putin, die Parade zu verschieben. Derlei ist mit dem Kreml abgestimmt, weshalb Putins Fernsehauftritt am Donnerstagabend Formsache war. Da sprach der Präsident vom „heiligen“ Datum des 9. Mai. Doch sei auch jedes Leben unschätzbar, die Risiken seien zu hoch, der „Peak“ des Ausbruchs noch nicht erreicht. Daher müssten die Paraden in Moskau und anderen Landesteilen verschoben werden.

          Über den neuen Zeitpunkt werde die epidemiologische Situation entscheiden, hieß es aus den Streitkräften, die inzwischen erste Corona-Infektionen bestätigten. Verteidigungspolitiker Schamanow nannte als mögliche Daten für die Parade den 24.Juni oder den 3. September, die ihrerseits symbolisch sind: Am ersten Datum vor 75 Jahren hatte der Eroberer von Berlin, Georgij Schukow, auf einem Schimmel die Siegesparade auf dem Roten Platz abgenommen. Am zweiten Datum soll nach Darlegung der Duma, die eben ein Gesetz dazu verabschiedet hat, 1945 der Zweite Weltkrieg geendet haben.

          Dunkelster Tag der Herrschaft Putins

          Bisher war dafür auch in Russland der 2. September maßgeblich, als Japan kapitulierte. Offiziell verweist die Verlegung auf einen Sowjetbeschluss und stellt „historische Gerechtigkeit“ wieder her. Doch überlagert der neue „Tag des Kriegsruhmes“ künftig die Erinnerung an einen der dunkelsten Tage unter Herrschaft Putins: Am 3. September 2004 beendeten dessen Sicherheitskräfte mit Panzern, Granat- und Flammenwerfern das Geiseldrama in einer Schule im nordkaukasischen Beslan mit mehr als 300 Toten. Putins Menschenrechtsrat kritisierte die Verlegung.

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