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Der Hauch des Kalten Kriegs : Russlands große Geheimdienst-Obsession

Das Geiselgeschäft aus dem Kalten Krieg blüht wieder

Das Anwachsen der Fälle spiegelt einerseits, wie sich das Verhältnis zum Westen verschlechtert hat und wie die Mächtigen Russland als „umzingelte Festung“ darstellen, in der heimische „Verräter“ wie Nawalnyj oder der 2015 ermordete Boris Nemzow mit äußeren Feinden gemeinsame Sache machen; dieses Denken entspricht dem traditionellen Geheimdienstblick, mit dem auch Putin groß geworden ist. Andererseits verdeutlicht die „Spionomanie“ den Machtzuwachs des FSB, dessen Mitarbeiter samt der ihnen zuarbeitenden Staatsanwälte Karriere machen können.

Dabei sind Ausländer, die in Russland als Spione verhaftet und verurteilt werden, noch im Vorteil: Ihre Fälle werden beachtet, sie selbst von ihren Heimatstaaten unterstützt. Und sie können auf Austausch hoffen. Spektakulär war der Fall von Eston Kohver, einem estnischen Grenzbeamten, den der FSB im Jahr 2014 aus estnischem Staatsgebiet entführte und als Nato-Agenten darstellte; nach russischer Darstellung war Kohver selbst illegal über die Grenze gekommen. Der Este wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt, nach einem Jahr Gefängnis aber gegen einen estnischen Geheimdienstler eingetauscht, der für Russland spioniert haben soll. So setzt sich das aus dem Kalten Krieg bekannte Geiselgeschäft fort.

Manche Ausländer prädestiniert ihre eigene Naivität dazu, Ziel des FSB zu werden. Wie Paul Whelan, den ein Moskauer Gericht im Juni zu 16 Jahren Lagerhaft verurteilte. Der frühere amerikanische Soldat, der neben der amerikanischen Staatsangehörigkeit noch die Irlands, Kanadas und Großbritanniens hat, arbeitete zum Zeitpunkt seiner Festnahme in Moskau Ende 2018 als Sicherheitschef eines amerikanischen Automobilzulieferers. Dem Trump- und Russland-Fan mit spärlichen Russischkenntnissen wurde zum Verhängnis, dass ein ihm bekannter FSB-Major einen USB-Stick gab; unmittelbar nach der Übergabe griff der FSB zu. Aus Medienberichten weiß man, dass auf dem Stick Mitarbeiterdaten einer Unterabteilung des Geheimdienstes gewesen sein sollen. Von Ermittlungen gegen den FSB-Mann wurde nichts bekannt, vielmehr trat er als Hauptzeuge der Anklage gegen Whelan auf. Letzterer hofft jetzt auf einen Austausch gegen einen in den Vereinigten Staaten inhaftierten Russen.

Dieser Weg zurück in die Freiheit ist Russen – sofern sie nicht tatsächlich Doppelagenten waren wie Skripal – versperrt: Sie können von Glück reden, wenn sie statt einem Pseudoverteidiger, der zu einem Geständnis rät und sonst nichts tut, einen versierten Anwalt finden. Es spricht Bände, dass hinter so gut wie allen Fällen, die bekanntwerden, das erfahrene „Komanda 29“ um den Bürgerrechtsanwalt Iwan Pawlow steht. Er vertritt seit gut zwei Jahrzehnten Leute, die in die Fänge der Spionageabwehr geraten. „Echte Spione habe ich in all diesen Jahren nicht gesehen“, sagt der Anwalt. „Es gibt sie wahrscheinlich. Es ist nur schwierig, sie zu suchen, und warum sollte man, wenn man sie leicht finden kann, indem man sie sich ausdenkt.“

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