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Moskau greift durch : Krimtataren-Anführer Dscheljal verschleppt

Krimtartaren erinnern ihrer Deportation durch die Sowjets im Jahr 2004 in Simferopol Bild: AP

Der FSB hatte Nariman Dscheljal schon lange im Visier. Dass er jetzt zuschlug, dürfte die Rache für die Gründung einer „Krim-Plattform“ sein.

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          Als am Samstagmorgen gegen sieben Uhr ein Dutzend maskierter Männer an Türen und Fenster seines Hauses schlugen, muss Nariman Dscheljal gewusst haben, dass jetzt auch er geholt würde. Dscheljal ist der letzte Anführer der Minderheit der Krimtataren, der nach der Annexion der Krim durch Russland noch auf der Halbinsel lebt. Kurz vor der Razzia hatte er auf Facebook über die Verschleppung seines Nachbarn in einem Dorf nahe der Hauptstadt Simferopol berichtet. Am Samstag setzten die Männer Dscheljals Frau und die vier Kinder in einem Zimmer fest und schafften Dscheljal in einem Kleinbus fort. Das Vorgehen weist auf den russischen Inlandsgeheimdienst FSB hin.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          „Maskenshows“ werden solche Aktionen genannt. Der FSB hatte Dscheljal schon lange im Visier. Dass er jetzt zuschlug, dürfte die Rache sein für einen Ende August unter internationaler Beteiligung in Kiew ausgerichteten Gipfel zur Gründung einer „Krim-Plattform“, welche die Annexion überwinden soll. Dass die Krimtataren mit Ausnahme weniger mit Russland kooperierender Vertreter die Annexion ihrer Heimat ablehnen, liegt auch an ihrer Geschichte, in der die Deportation 1944 in verschlossenen Güterzügen nach Zentralasien prägend war. Zehntausende kamen dabei um.

          Dscheljals Schicksal spiegelt das seines Volkes: 1980 wurde er in Usbekistan geboren und konnte mit seiner Familie erst Ende der Achtzigerjahre auf die Krim zurückkehren. Seit der Annexion wurde der Journalist und Politikwissenschaftler auf der Halbinsel zum Gesprächspartner für diejenigen, die sich ein Bild über das Geschehen machen wollten. Moskaus Propaganda gaukelt die Harmonie eines Vielvölkerstaats vor; doch Gegner der Annexion werden brutal verfolgt. Dutzende Krimtataren sind in russische Haftanstalten verschleppt worden. Die Menschenrechtsorganisation Memorial zählte im August insgesamt 89 Krim-Bewohner, die allein wegen der Mitgliedschaft in einer „terroristischen Vereinigung“ verfolgt wurden und zu teils langjährigen Haftstrafen verurteilt worden sind.

          Gemeint ist dabei Hizb ut Tahrir, eine islamistische Organisation, die in der Ukraine erlaubt, in anderen Ländern aber verboten ist. Russlands Machthaber gebrauchten „jedes Mittel“, um Unbotmäßige zu strafen, sagte Dscheljal der F.A.Z. im Frühjahr 2018 in Simferopol. Für ihn war es nicht die erste Razzia, auch festgenommen wurde Dscheljal schon. Den Medschlis, die Exekutive der Krimtataren, stuften die russischen Machthaber schon 2016 als „extremistisch“ ein; in dem Verfahren hatte Dscheljal als letztes auf der Krim verbliebenes Mitglied den Medschlis vertreten. Der FSB habe ihn aufgefordert, öffentlich zu sagen, er sei nicht mehr in dem Gremium, berichtete Dscheljal der F.A.Z. Doch bleibe er so lange Mitglied, bis ihn die Versammlung der Krimtataren wieder abberufe. Bisher sind die Machthaber davor zurückgescheut, ein „Medschlis-Verfahren“ einzuleiten, und haben sich stattdessen bemüht, das Gremium zu diskreditieren.

          Damit hatte Moskau aber keinen Erfolg. Dscheljal reiste etwa nach Prag, Washington und Kiew und nahm dort jüngst auch am Gipfel zur „Krim-Plattform“ teil. Er plädierte für die Gründung von Vertretungen der Krimtataren in den Teilnehmerländern der Plattform, auf dass es nicht bei hehren Worten bleibe. Dscheljal hofft auf eine internationale Lösung, etwa in Form eines ukrainischen Sonderterritoriums unter der Patronage Kiews, Moskaus, der EU und der Türkei, die als Fürsprecherin der Krimtataren auftritt. „Wir bleiben Geiseln der politischen Situation“, sagte er über sein Volk.

          Krimtartaren demonstrieren gegen Dscheljals Verschleppung

          Dscheljals Schicksal teilten am Wochenende vier weitere Krimtataren, die ebenso verschleppt wurden. Zwei von ihnen wird die Beschädigung wichtiger Infrastruktur vorgeworfen. Ihnen drohen zehn bis 15 Jahre Haft. Was Dscheljal genau vorgeworfen wird, blieb lange unklar; erst am Sonntagabend hieß es unter Berufung auf seine Anwältin, Dscheljal werde in demselben Fall als Komplize geführt. Am Samstag sei er bis in den späten Abend in Handschellen mit einem Sack über dem Kopf festgehalten worden. Vor dem FSB-Gebäude in Simferopol versammelten sich am Samstag zahlreiche Krimtataren. Rund 40 von ihnen wurden nach Angaben der Bewegung „Krim-Solidarität“ festgenommen; Bilder zeigen, wie sie in einen blauen Linienbus gepfercht werden.

          Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und andere ukrainische Politiker bezeichneten die neue Verfolgungswelle als Reaktion Russlands darauf, dass die „Krim-Plattform“ ihre Arbeit aufgenommen habe. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba forderte die Partner auf, den Druck auf Moskau zu erhöhen.

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