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Russlands Fernsehstar Sobtschak : Die Partylöwin an der Protestfront

  • -Aktualisiert am

Schöner Protestieren: Ksenja Sobtschak auf einer Kundgebung Mitte Mai Bild: REUTERS

Viele Jahre haben die Russen Ksenja Sobtschak als unpolitischen Fernsehstar kennengelernt. Nun ist sie eines der Gesichter der Proteste gegen Putin - des Mannes, der seine Karriere einst als enger Mitarbeiter ihres Vaters begann und ihr Patenonkel sein soll.

          Die Männer des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB nennen sich gern selbst „Tschekisten“. Damit knüpfen sie voller Stolz an die Tradition der „Tscheka“ an, der ersten politischen Polizei der russischen Kommunisten, die Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Feinde der jungen jungen Sowjetmacht mit „rotem Terror“ überzog.

          Einen solchen Tschekisten hätte sie heiraten und Kinder gebären sollen, statt sich mit der staatsfeindlichen Opposition einzulassen, bekam Ksenja Sobtschak vor zwei Wochen in ihrer eigenen Wohnung zu hören. Der Mann gehörte zu einer Gruppe von Ermittlern, die ihre Wohnung auf der Suche nach subversivem Material durchwühlten. Bis Ende vergangenen Jahres war die 31 Jahre alte Ksenja Sobtschak den Russen als skandalumwitterte, unpolitische Fernseh-Entertainerin bekannt, als schönes Gesicht und schöner Körper der neureichen russischen Glitzerwelt - und wurde dann nach der gefälschten Parlamentswahl im Dezember 2011 innerhalb weniger Wochen zu einer der bekanntesten Figuren der Proteste gegen das Regime Wladimir Putins.

          Eine lange Geschichte

          Mit Putin verbindet Ksenja Sobtschak eine lange Geschichte: Der gerade von seinem Agentenposten in Dresden zurückgekehrte KGB-Offizier Putin begann seine politische Karriere Anfang der neunziger Jahre als enger Mitarbeiter ihres Vaters Anatolij Sobtschak, des ersten nichtkommunistischen und frei gewählten Bürgermeisters von Sankt Petersburg, und wurde von ihm 1994 sogar zu seinem Stellvertreter gemacht. Die Beziehung riss offenbar auch dann nicht ab, als Sobtschak 1996 die Bürgermeisterwahl verloren hatte und vor Korruptionsvorwürfen ins Ausland flüchtete, während Putin seine Karriere in Moskau fortsetzte.

          Als Sobtschak im Februar 2000 plötzlich starb, war er auf Wahlkampftour für Putin, der kurz vor seiner ersten Wahl zum Präsidenten stand. Schon 1999 soll Putin - da war er Ministerpräsident, nachdem er zuvor FSB-Direktor war - das Korruptionsverfahren gegen Sobtschka niedergeschlagen und ihm die Rückkehr nach Russland ermöglicht haben. In Moskau kursierten sogar Gerüchte, dass Putin Ksenija Sobtschaks Patenonkel sei. Sie selbst sagte unlängst, dass Putin für die Familie Sobtschak viel getan habe und das sie schon deshalb - aber nicht nur aus diesem Grund - persönliche Angriffe auf Putin vermieden habe.

          Intime Briefe

          Diese Zurückhaltung half ihr wenig, als sie am frühen Morgen des 11. Juni von bewaffneten Männern der Staatsmacht aus dem Bett geholt wurde, die anschließend stundenlang ihre Wohnung auf den Kopf stellten. Ihr wurde viele Stunden lang verwehrt, sich vollständig anzukleiden, die eigene Toilette durfte sie nur unter Aufsicht eines Kämpfer mit umgehängter Kalaschnikow benutzen. Die Ermittler lasen laut aus intimen Briefen vor - vermutlich, vermutet Ksenja Sobtschak, um ihren Freund Ilja Jaschin zu demütigen, einen der Führer der liberalen außerparlamentarischen Opposition, der in der Wohnung war. Die Ermittler nahmen umgerechnet 1,5 Millionen Euro in Bar mit, die sie in der Wohnung gefunden hatten. Als Ksenja Sobtschak nach ihrer Begegnung mit dem russischen Rechtsstaat auf die Straße kam, war ihr Gesicht aschfahl.

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