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Krieg gegen die Ukraine : Einschläge fast im ganzen Land

Verzweiflung in Kiew: Eine Frau sitzt auf ihrem Gepäck, während sie am Bahnhof darauf wartet, die Stadt verlassen zu können. Bild: dpa

Präsident Selenskyj ruft die Ukrainer zur Ruhe auf. Kurz vor dem russischen Angriff hatte er noch einen dramatischen Appell an die Bürger Russlands gerichtet.

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          Nicht lange, nachdem Wladimir Putin den Beginn des Kriegs gegen die Ukraine verkündet hatte, wandte sich am frühen Morgen der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit einer Videobotschaft an sein Volk. Ohne Krawatte, unrasiert sprach er in eine Kamera, die auf einem Tisch vor ihm zu liegen scheint. Er teilte mit, dass Russland mit Schlägen gegen die militärische Infrastruktur und den ukrainischen Grenzschutz begonnen habe, in Städten seien Explosionen zu hören gewesen: „Wir führen den Kriegszustand auf dem ganzen Gebiet unseres Staates ein.“ Er habe mit dem amerikanischen Präsidenten Joe Biden gesprochen, der versprochen habe, internationale Unterstützung zu organisieren. Die Bürger sollten ruhig bleiben – „wenn möglich, bleiben Sie zu Hause“. Alle Sicherheitskräfte arbeiteten. „Ich, der Sicherheitsrat, das Kabinett werden ständig Verbindung mit Euch halten.“ Die nur eine Minute dauernde Ansprache endete mit den Worten: „Ohne Panik. Wir sind stark, wir sind zu allem bereit, wir werden siegen. Ruhm der Ukraine!“

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Während das ukrainische Parlament, die Werchowna Rada, wenige Stunden später die Ausrufung des Kriegszustandes verkündete, rief auch Verteidigungsminister Olexij Resnikow die Ukrainer zu Ruhe auf. Nach und nach treffen aus dem ganzen Land Nachrichten über Explosionen – vermutlich durch Einschläge von Raketen – ein. Der ukrainische Generalstab berichtet von Luftschlägen gegen mehrere Flughäfen, darunter auch den Kiewer Flughafen Borispil; zahlreiche Ortschaften im Grenzgebiet seien unter Beschuss. Aber die russischen Angriffe beschränken sich nicht auf die Gebiete entlang der Grenze. Nach offiziellen ukrainischen Angaben wurde in Luzk in der Westukraine, weniger als hundert Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, der Fernsehturm getroffen, in der Nähe von Kiew und anderen Städte brennen Kasernen. Aus 17 der 24 Oblaste (Gebiete) der Ukraine wird im Laufe des Morgens Beschuss gemeldet.

          Aus dem Gebiet Luhansk im Donbass melden die ukrainischen Streitkräfte den Verlust von zwei Ortschaften. Aus dieser Region meldet die ukrainische Armee jedoch auch Verluste des Gegners: Im Luhansker Gebiet seien fünf russische Flugzeuge und ein Helikopter abgeschossen werden. Bei Schtschastja unmittelbar an der bisherigen Frontlinie zur „Volksrepublik“ Luhansk seien ein Panzer und mehrere Militärlastwagen vernichtet worden.

          Offensichtlich versucht die Führung in Kiew mit einer transparent wirkenden Informationspolitik auch Fehlinformationen entgegenzuwirken: Berichte über eine Landungsoperation russischer Truppen in der Nähe von Odessa am Schwarzen Meer werden als „Fake“ bezeichnet. Vom Bestreben, der ukrainischen Bevölkerung ein Bild kontrollierten Handelns zu vermitteln, zeugen auch Nachrichten wie diese: Der Bildungsminister teilt am Morgen mit, dass alle Schulen in den Distanzunterricht übergehen sollten. Allerdings berichten ukrainische Medien von langen Staus auf den Ausfallstraßen aus Kiew – offensichtlich versuchen viele Menschen, die Stadt zu verlassen.

          Wenige Stunden vor Beginn der Kämpfe hatte sich Selenskyj mitten in der Nacht noch auf Russisch mit einem dramatischen Appell an die Russen gewandt – in Anzug und Krawatte, mit einer großen Landkarte der Ukraine im Hintergrund. Er habe versucht, mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu telefonieren. „Die Antwort war Schweigen.“ Deshalb wende er sich nun direkt an die Bürger Russlands – „nicht als Präsident, ich wende mich als Bürger der Ukraine an die Bürger Russlands“. Jeden Moment könne ein großer Krieg ausbrechen: „Euch sagen sie, dass diese Flamme dem Volk der Ukraine die Befreiung bringt. Aber das ukrainische Volk ist frei. Die Ukraine in Euren Nachrichten und die Ukraine im realen Leben – das sind zwei vollkommen verschiedene Länder.“

          „Euch sagen sie, dass wir Nazis sind. Sagt das meinem Großvater, der den ganzen Krieg in der Infanterie der sowjetischen Armee durchgemacht hat und als Oberst in der unabhängigen Ukraine gestorben ist.“ In diesem Stil griff Selenskyj eine Behauptung des russischen Präsidenten Putin über die Ukraine nach der anderen auf. „Hört auf uns, das Volk der Ukraine will den Frieden, die Regierung der Ukraine will den Frieden.“ Aber wenn die Ukraine angegriffen werde, werde sie sich verteidigen: „Beim Angriff werdet ihr unsere Gesichter sehen – unsere Gesichter, nicht unsere Rücken.“ Er schloss mit einem direkten Appell an die Russen: „Wollen die Russen Krieg? Ich würde sehr gerne auf diese Frage antworten. Aber die Antwort hängt von Euch ab.“

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