https://www.faz.net/-gpf-6yvpe

Russland : Wo der Leibhaftige in Frauengestalt auftritt

  • -Aktualisiert am

Eine Demonstrantin mit dem Plakat „Freiheit“ und einem Bild von Natalya Tolokonnikova, die als Mitglied von Pussy-Riot in Untersuchungshaft sitzt Bild: dapd

Eine Punkband erregt in der orthodoxen Kirche in Russland und bei den politisch Mächtigen Anstoß. Ein Protest gegen Putin wird zum Kampf zwischen Moral und Unmoral stilisiert.

          4 Min.

          In der südrussischen Stadt Krasnodar gab es am Samstag für Demonstranten Graupen mit Zwiebeln aus einer Feldküche. Sogar der stellvertretende Gouverneur der gleichnamigen Provinz war gekommen, um tausenden Landsleuten den Rücken zu stärken. Die sehen Russlands geistig-moralische Grundlagen durch gefährliche Punk-Frauen von der Band „Pussy-Riot“ bedroht. Deshalb waren sie den Demonstrationsaufrufen der Kuban-Kosaken, einer russischen orthodoxen Union und einiger anderer Organisationen gefolgt.

          Der Feind, drei junge Frauen, saß derweil weit weg in einem Moskauer Untersuchungsgefängnis, wo er noch bis gegen Ende April, wenn ein Prozess beginnen soll, eingesperrt bleibt. Würden die Frauen, von denen zwei kleine Kinder haben, schuldig gesprochen, drohen ihnen Freiheitsstrafen von bis zu sieben Jahren. Von den Ermittlern werden sie verdächtigt, am 21. Februar, zwei Wochen vor der Präsidentenwahl, die Hauptkirche der russischen orthodoxen Kirche, die Moskauer Christi Erlöserkathedrale, mit einer „gotteslästerlichen“ Performance heimgesucht zu haben, die auch eine politische Dimension besaß.

          Sie sangen Maria an, Putin zu vertreiben

          Die Einsitzenden sollen demnach zu der Gruppe von Punk-Frauen gehört haben, die - wie bei „Pussy Riot“-Auftritten üblich - in farbige, bis übers Kinn gezogene Wollmützen mit Sehschlitzen für die Augen und Öffnungen für den Mund, in grelle Kleidchen und knallig bunte Strumpfhosen gewandet, die Heilige Gottesmutter Maria in einem getanzten, zum Teil aber auch im Stil der orthodoxen Liturgie gesungenen „Punk-Gebet“, anriefen, Putin zu vertreiben. Den öffentlichen Schulterschluss des Patriarchen Kirill mit Putin im Blick, griffen die vermummten Punkerinnen auch das Kirchenoberhaupt an, weil Kirill es zulasse, dass die Kirche für den Wahlkampf instrumentalisiert werde.

          Kirchenbesucher waren geschockt, als die Punk-Frauen vor dem Ikononostas und der Zarenpforte, die Patriarch Kirill nur an sehr hohen kirchlichen Feiertagen durchschreitet, loslegten. Das Spektakel dauerte kaum eine halbe Minute, dann waren die Punkerinnen von Kirchendienern vertrieben worden. Noch am gleichen Tag wurde jedoch ein Videoclip von dem „Punkgebet“ ins Internet gestellt. Erst dann schlugen die Wellen der Empörung hoch. In der Tat sahen orthodoxe Gläubige ihre religiösen Gefühle durch den Auftritt von „Pussy Riot“ verletzt. Aber es gab auch viele, die die Protestwelle für ihre politischen Ziele nutzen wollten. Dazu gehören auch hochgestellte Persönlichkeiten. Drei Mitglieder von „Pussy Riot“ wurden später verhaftet, andere verstecken sich vor der Polizei, aber sicherlich auch vor jenen, die womöglich bereit wären, die Aufrufe zur Lynchjustiz an den „Gotteslästerinnen“ zu befolgen.

          Die Pussy-Riots auf dem Lobnoje Mesto, einem Steinpodest auf dem Roten Platz in Moskau. Die Polizei nahm die Band Mitglieder fest, weil sie in ihrem Lied Putin kritisiert hatten Bilderstrecke
          Die Pussy-Riots auf dem Lobnoje Mesto, einem Steinpodest auf dem Roten Platz in Moskau. Die Polizei nahm die Band Mitglieder fest, weil sie in ihrem Lied Putin kritisiert hatten :

          Ob Krasnodar aber als Ort für den organisierten Massenprotest gegen anstößige Protestkunst und die darin lauernde Gefahren einer „Zersetzung“ des moralischen Wertesystems Russlands gut gewählt war, kann man bezweifeln. Denn ausgerechnet im Krasnodarer Land hatte unter den Augen des vom Kreml eingesetzten Gouverneurs, der Polizei, der Kosaken oder anderer moralisch unanfechtbarer Verbände im Städtchen Kuschtschjowka jahrelang eine Bande ihr Unwesen getrieben, der erst das Handwerk gelegt wurde, als sie schon mehrere Morde begangen hatte.

          Weitere Themen

          USA stimmen UN-Sicherheitsratssitzung zu Nahost-Konflikt zu

          Wachsende Sorge : USA stimmen UN-Sicherheitsratssitzung zu Nahost-Konflikt zu

          Zuvor hatte Washington das Treffen verhindert, um eine Verurteilung seines Verbündeten Israels zu vermeiden. Bei der Sitzung sollen auch Vertreter Israels und der Palästinenser dabei sein. Angesichts der anhaltenden Gewalt haben die USA ihre Reisewarnstufe für Israel angehoben.

          Topmeldungen

          Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wird am Sonntag tagen (Archivbild).

          Wachsende Sorge : USA stimmen UN-Sicherheitsratssitzung zu Nahost-Konflikt zu

          Zuvor hatte Washington das Treffen verhindert, um eine Verurteilung seines Verbündeten Israels zu vermeiden. Bei der Sitzung sollen auch Vertreter Israels und der Palästinenser dabei sein. Angesichts der anhaltenden Gewalt haben die USA ihre Reisewarnstufe für Israel angehoben.
          Erst akzeptiert Musk Bitcoin als Zahlungsmethode für sein Unternehmen Tesla, nun hat er Umweltbedenken.

          Kryptowährung : Bitcoin sind für Tesla zu umweltschädlich

          Der Elektroautohersteller war das prominenteste Unternehmen, welches die Digitalwährung als Zahlungsmittel akzeptierte – nun die Kehrtwende. Der Kurs bricht nach der Nachricht ein. Doch wie schmutzig sind die Kryptowährungen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.