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Nach Macron-Erfolg : Kühle Töne aus Moskau

Wladimir Putin hätte gerne eine andere Person im Elysée-Palast gesehen. Bild: AFP

Russland reagiert enttäuscht auf den Wahlausgang in Frankreich. Der Versuch, Marine Le Pen mit allen Mitteln zur Präsidentin zu machen ist gescheitert. Nun muss sich Wladimir Putin auf eine schwierige Beziehungen einstellen.

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          Es dauerte bis Montagvormittag, bis Russlands Präsident seinem künftigen französischen Widerpart gratulierte. „Die Bürger Frankreichs haben Ihnen anvertraut, das Land in einer Zeit zu leiten, die für Europa und die ganze Weltgemeinschaft schwierig ist“, schrieb Wladimir Putin an Emmanuel Macron. Gefahren wüchsen, Konflikte eskalierten, Regionen würden destabilisiert. Daher sei es „besonders wichtig, das gegenseitige Misstrauen zu überwinden und die Kräfte zu vereinen“. Man sei zu konstruktivem Dialog bereit. Das klang nicht nach Aufbruchsstimmung im Kreml. Kein Wunder: Aus dessen Sicht ist Macron als Befürworter der EU und der engen Partnerschaft mit Berlin ein Gegner.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Dabei erinnern sich in Moskau manche an andere Töne des künftigen Präsidenten. So besuchte Macron Anfang 2016 als Wirtschaftsminister die Hauptstadt, wo er forderte, mit Blick auf Russland „aus der Sackgasse herauszukommen“. Noch im November plädierte der Kandidat für eine Zusammenarbeit mit Moskau im Kampf gegen den Terror und warf Präsident Hollande vor, Russland dazu gebracht zu haben, sich von Europa zu isolieren. Aber damals schien Macrons Kandidatur noch aussichtslos – und der Kreml pflegte andere Präferenzen.

          Offiziell mischt Moskau nicht mit

          Offiziell mischt sich Moskau nicht in die Innenpolitik anderer Länder ein. Die Realität ist anders. Der Neun-Millionen-Euro-Kredit für Marine Le Pens Front National, den eine Bank aus dem Umfeld eines Putin-Weggefährten der Partei vor zweieinhalb Jahren gewährte, ist die erste – und bislang einzige bestätigte – russische Zahlung an eine europäische Rechtsextremistenpartei. Front-National-Kader sind in Moskau und seinen Medien häufige Gäste. Was nicht heißt, dass sie unersetzlich wären.

          Ein Indiz dafür war, dass die russische Einlagensicherungsbehörde den Kredit für den Front National namens der insolvent erklärten Bank in dem Moment zurückforderte, als in Gestalt des Republikaners François Fillon ein aussichtsreicherer Kandidat auftauchte. Fillon war unter anderem als Gegner der Sanktionen im Ukraine-Krieg aufgetreten. Putin rühmte ihn im November 2016 persönlich. Erst als Fillons Chancen wieder gesunken waren, empfing Putin Marine Le Pen erstmals offiziell im Kreml, bezeichnete die Rechtsextremistin als Vertreterin eines „sich ziemlich schnell entwickelnden Spektrums europäischer politischer Kräfte“. Entsprechend berichteten Russlands Medien.

          Schon im Februar beklagte Macrons Bewegung Fake News der Kreml-Auslandsmedien RT und Sputnik sowie Hackerangriffe. Eine Analyse der beiden Medien ergab im April tatsächlich eine voreingenommene Berichterstattung zulasten Macrons als „Kandidaten der Finanz- und Medienoligarchie“, während Le Pen und Fillon positiver dargestellt worden seien. Allerdings wurde auch hervorgehoben, dass die Medienportale bei weitem nicht so verbreitet seien wie etablierte Medien.

          Für das heimische Publikum, das laut einer Umfrage zu 61 Prozent Le Pen gewählt hätte und nur zu acht Prozent Macron, stellte etwa das putintreue Boulevardblatt „Komsomolskaja Prawda“ den Zentristen am 4. Mai als „Marionette Rothschilds, Psychopathen und ‚Mister Niemand‘“ vor. „Die Franzosen haben den ‚Gummi‘-Macron verdient“, schrieb das Blatt dann nach dem Wahlsieg: Sie müssten nun „durch die globalistische Hölle gehen“ und „verdienen nicht die Demokratie, die mit dem Leben Millionen sowjetischer Soldaten bezahlt worden ist“.

          Der Präsidentschaftsbewerber selbst hatte angesichts der russischen Winkelzüge seine Position gegenüber Moskau verhärtet, zuletzt auch Mitarbeiter der Kremlmedien von Veranstaltungen ausgeschlossen. Macron habe nicht zuletzt aufgrund des dilettantischen Hackerangriffs, dessen Ergebnisse am Freitagabend veröffentlicht wurden, viele Gründe, noch kritischer gegenüber der Moskauer Führung zu sein als sein Vorgänger, kommentierte der Politikwissenschaftler Grigorij Golossow.

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