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Belästigung in Russland : Zieht euch anständig an

Im Zentrum der Kritik: Leonid Sluzkij Bild: AP

Auch in der russischen Duma gibt es nun Vorwürfe über sexuelle Belästigung. Die betroffenen Frauen werden jedoch verleumdet und die Anwürfe kleingeredet. Das liegt auch am herrschenden Frauenbild.

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          Die Aktion unter dem Schlagwort #MeToo war an Russland bisher folgenlos vorbeigegangen. Das Staatsfernsehen machte die Bewegung gegen sexuelle Belästigung als „Amoklauf der politischen Korrektheit“ lächerlich. Nun hat Russland seinen eigenen Skandal. Im Zentrum steht der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Duma, Leonid Sluzkij von der pseudooppositionellen Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR). Ende Februar berichtete eine Journalistin des unabhängigen Fernsehsenders TV Doschd, mehrere Kolleginnen, deren Namen sie nicht nannte, klagten über Belästigungen durch Sluzkij wie Betatschen und sexuelle Aufforderungen. Ihr Studiogast, der LDPR-Vorsitzende Wladimir Schirinowskij, sagte, er werde mit Sluzkij reden, verdächtigte aber die Journalistinnen, „Interesse auf sich lenken“ zu wollen. Bald darauf bezeichnete der Kandidat für die Präsidentenwahl am 18. März die Frauen als „boshafte Armseligkeiten“, die „eine weitere Aufgabe aus dem Westen erhalten haben“.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Mit solchen Unterstellungen wird in Moskau Vorwürfen aller Art begegnet. Sluzkij selbst bestritt die Vorwürfe und drohte TV Doschd mit Klage. Auf Facebook schrieb er, „Versuche, aus Sluzkij einen russischen Harvey Weinstein zu machen, ähneln am ehesten einer billigen, minderwertigen Provokation“. Aus der Duma kamen Solidaritätsadressen: Die Vorsitzende des Ausschusses für Familien, Frauen und Kinder, Tamara Pljetnjowa, sagte, Sluzkij habe vielleicht gescherzt. „Diese Mädchen-Journalistinnen“ sollten sich „anständiger anziehen“ und nicht in der Duma „mit nacktem Bauchnabel herumlaufen“.

          In diesem Klima gingen drei Journalistinnen aus Medien, die der Kreml nicht kontrolliert, an die Öffentlichkeit. Jekaterina Kotrikadse vom Fernsehsender RTVi sagte, Sluzkij habe sie 2011 bei einem Gespräch berührt und zu küssen versucht. Solche Vorfälle gebe es in russischen Einrichtungen häufig, aber darüber werde nicht gesprochen, weil man beleidigt und der Lüge geziehen werde. Sluzkij versuchte, die Vorwürfe mit Kotrikadses georgischer Herkunft zu erklären: „Seltsam, dass man keine Ukrainerin oder Amerikanerin gefunden hat“, sagte er mit Blick auf weitere Länder, mit denen Moskau Konflikte hat. Darja Schuk, Produzentin bei Doschd, berichtete, 2014 habe Sluzkij versucht, sie mit Gewalt zu küssen. Farida Rustamowa vom russischen Dienst der BBC schilderte eine Begegnung im März 2017, als sie einen Kommentar Sluzkijs zur Moskau-Reise der Französin Marine Le Pen einholen wollte. Demnach wollte Sluzkij sie küssen, zu seiner Geliebten machen und betatschte sie.

          Berichtet von gewaltsamer Annäherung: TV-Doschd-Journalistin Darja Schuk

          Russlands Strafgesetzbuch ist in den vergangenen Jahren oft verschärft worden. Ein Tatbestand zu dem, was schlicht als „Bemühung“ oder mit englischem Lehnwort als „harassment“ beschrieben wird, fehlt; angeblich wird seit 2003 daran gearbeitet. Witalij Milonow, ein Duma-Abgeordneter der Regierungspartei „Einiges Russland“, sagte nun, das Projekt sei absurd: Nur „westliche Feministinnen“ fürchteten „jedes Verhalten“ als Belästigung. „Gott sei Dank sind unsere Frauen normal.“ Solche Ansichten sind in Parlament und Kreml oft zu hören. Angefangen bei Präsident Wladimir Putin, der in seiner Gratulationsbotschaft zum Weltfrauentag am Donnerstag sagte, nur Frauen könnten „die alltägliche Sorge für Haus und Kinder übernehmen, ihnen als sittliches Vorbild dienen“. Wladislaw Surkow, ein mächtiger Mann im Kreml, raunte kürzlich in einem Artikel von einem „Matriarchat“ im Westen, während „unser von Gott errettetes Vaterland noch nicht sehr vom Feminismus berührt ist“.

          Erhebt Vorwürfe: BBC-Journalistin Farida Rustamowa

          Eine Auswirkung dieses Trends ist es, den Schutz von Frauen vor Gewalt als Angriff auf die Familie abzulehnen. So werden seit 2017 Schläge gegen Familienmitglieder, die etwa zu Schürfwunden, aber nicht zu Knochenbrüchen führen, vom Gesetz nur noch mit Arrest oder Geldbuße geahndet, nicht mehr mit bis zu zwei Jahren Haft. Kürzlich bestätigte das Ermittlungskomitee, diese Reform habe zu noch mehr häuslicher Gewalt geführt.

          Mittlerweile hat der Ethik-Ausschuss der Duma Sluzkij aufgefordert, auf Beschwerden der Journalistinnen zu reagieren, aber erst nach der Präsidentenwahl. Der Sprecher der Duma, Wjatscheslaw Wolodin, insinuierte, die Vorwürfe seien Teil einer ausländischen Einmischungskampagne. Zum Fall Sluzkij sagte er: „Ist es für Sie gefährlich, in der Duma zu arbeiten? Wenn ja, suchen Sie sich eine andere Arbeit.“ Sluzkij selbst, gegen den am Donnerstag einige Frauen vor der Duma protestierten, gratulierte zum Weltfrauentag. Den Facebook-Post nahm er erstmals „zum Anlass, diejenigen von euch um Verzeihung zu bitten, denen ich irgendwann einmal willentlich oder unwillentlich irgendwelches Leid verursacht habe“.

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