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Wahl in Russland : „Alles, was den Westen schwächt, ist in Russlands Interesse“

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Mehr als das. Es gibt sehr wenige Beispiele in der russischen Geschichte, bei der Russland nicht immer auch als dominante Kraft aufgetreten ist, die seine Nachbarn beherrschen wollte. Und hier kommt auch wieder die Ukraine ins Spiel. Es gibt keine rein russische Idee, sondern immer eine viel umfassendere, eine, die immer auch die Nachbarn mit einbezieht, wie etwa Weißrussland, die Ukraine und die anderen slawischen Nationen. Natürlich kann man sagen, es sind ja bislang gerade mal 27 Jahre seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vergangen, das ist historisch gesehen nicht viel. Aber viele Russen denken, dass Putin ihnen eine Antwort auf ihre Identitätsfrage gegeben hat.

Dieses Konzept schließt Einflussnahmen auf die unmittelbaren Nachbarn, aber auch auf potentielle Gegner mit ein.

Bei der Einflussnahme Russlands auf die amerikanischen Wahlen geht es zum Beispiel um den Versuch, die Differenzen, die es im westlichen Lager gibt, auszunutzen. Wenn man sich Europa anschaut, die Euroskeptiker, die Populisten, die AfD in Deutschland, Le Pen in Frankreich oder in den Vereinigten Staaten die große Polarisierung zwischen jenen, die Trump unterstützen und all den anderen – in all diesen Fällen ist Russland sehr darauf aus, diese gesellschaftlichen Risse auszubeuten und dies mit Hilfe von Social Media und dem Internet zu tun. Das Ziel ist es, unterschiedliche Gruppen im Westen gegeneinander aufzubringen. Russland handelt hier in erster Linie im nationalen Interesse, und das besteht darin, einen uneinigen Westen zu haben.

Sieht sich als den Mann, der Russland wieder zu alter Größe führt: Wladimir Putin.
Sieht sich als den Mann, der Russland wieder zu alter Größe führt: Wladimir Putin. : Bild: AP

Also einen Keil in den Westen zu treiben, um ihn zu schwächen und dadurch selbst größer zu wirken…

... ja, aber das war auch schon früher so zu Zeiten der Sowjetunion, da war man in Moskau auch stets daran interessiert, einen Keil in die westliche Allianz zwischen Europa und die Vereinigten Staaten zu treiben. Wenn Sie also fragen: Ist das Schüren von Konflikten in Russlands Interesse, dann ist meine Antwort: Ja. Mir scheint, dass die Führung im Kreml auf die Welt noch immer so schaut wie zu Zeiten der Sowjetunion: Dass die Existenz aus einem Kampf zwischen dem Kreml und dem Westen besteht. Der Westen ist Russlands Feind und alles, was dazu beiträgt, den Westen zu schwächen, ist in Russlands Interesse.

Gerne wird die jüngere Geschichte zwischen dem Westen und Moskau so erzählt: Russland wandte sich in den 1990er und frühen 2000er Jahren dem Westen zu, doch der erkannte die Chance nicht, weshalb sich die Russen von Freunden des Westens zu Gegnern entwickelten. Mit anderen Worten: Der Westen hat eine historische Chance verspielt. Was ist falsch oder richtig an dieser Interpretation?

Richtig ist: Als Putin an die Macht kam, war er tatsächlich daran interessiert, die Beziehungen zum Westen zu verbessern. Er unternahm einiges, denken Sie an seine Rede im deutschen Bundestag – und die Deutschen seinerzeit waren sehr daran interessiert, die Beziehungen zu Russland zu verbessern. Gleiches gilt im Übrigen für die Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Putin ging auf den amerikanischen Präsidenten George W. Bush zu und unterstützte ihn. Der Punkt war aber: Putin ging stets davon aus, dass der Westen letztlich akzeptieren würde, dass Russland zwar nicht mehr die Sowjetunion, aber eine große Macht geblieben ist – und dass sich daraus das Recht ableitet, eine eigene Einflusszone zu beanspruchen. Wo? In der unmittelbaren Nachbarschaft, im postsowjetischen Raum.

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