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Russland unter Putin : Das ewige Enigma

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Schreibt Stent über das deutsch-russische Verhältnis, wird das Buch vielleicht am aufschlussreichsten. Stent erkennt und benennt klar das Dilemma, in dem sich die deutsche Politik aktuell befindet. Während Berlin bis zur Annexion der Krim 2014 bereit war, dem übergeordneten Wohl der deutsch-russischen Beziehungen so manch angebrachtes kritisches Wort zu opfern, drehte sich der Wind mit der handstreichartigen Aneignung der Halbinsel im Schwarzen Meer. Nun lag die Enttäuschung auf der Seite der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Stent illustriert dies mit Szenen vom G-20-Gipfel im November 2014 in Australien. „Nach dem Ende des Gipfels hielt Merkel in Sydney eine ungewöhnlich offene Rede, bei der sie ihre normalerweise vorsichtige Art ablegte. Putin, so sagte sie, habe sie allem Anschein nach in Bezug auf Russlands Absichten auf der Krim angelogen, kurz bevor russische Truppen dort aufmarschiert seien. (...) Die enge deutsch-russische Partnerschaft, der Grundstein Europas nach dem Kalten Krieg, war zerbrochen.“

Ein Riss, der quer durch Deutschland geht

In der Tat ist seither alles anders – und nicht nur zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin. Die Lager der „Russlandversteher“ und der Russlandkritiker in Deutschland stehen sich seit der militärischen Intervention in der Ukraine unversöhnlicher denn je gegenüber. Die „Versteher“ erklären das russische Vorgehen mit den Fehlern des Westens, der die Ukraine über ein Assoziierungsabkommen an sich habe binden wollen. Während die Kritiker überzeugt sind, dass Russlands Expansionspolitik in der Ukraine erst den wahren Charakter des Regimes in Moskau offengelegt hat. Stent deutet diesen Konflikt, der so prägend ist für die innerdeutsche Debatte, allerdings nur an. Das ist bedauerlich, da er sinnbildlich für den Riss steht, der sich beim Thema Russland durch Deutschland zieht. Möglicherweise fehlt der Amerikanerin dann doch die Nähe zum europäischen und russischen Schauplatz. Das lässt sich auch aus der Literaturliste erahnen, die vorwiegend angelsächsische Autoren zitiert.

Putin ist nicht vom Himmel gefallen. Es gibt Gründe für den seinerzeit so unerwarteten Aufstieg dieses Mannes. Davon allerdings steht leider viel zu wenig im Buch von Angela Stent.

Wer die russische Politik der letzten zwei Jahrzehnte nur am Rande verfolgt hat, für den kann Angela Stents Buch eine nützliche Chronik sein. Sie bringt den Leser auf den Stand der Dinge und erläutert, auf welchem Hintergrund russische Politik erfolgt. Dabei weist die frühere Mitarbeiterin des US National Intelligence Council nach, dass zahlreiche Entscheidungen Putins aus dem Moment geboren sind und oft keiner langfristigen Strategie entspringen. Das fügt sich in die zentrale These der Autorin, dass ein Ziel des russischen Präsidenten darin liegt, den Westen zu schwächen. Dazu wird jedwede Gelegenheit genutzt, die sich bietet – und eben auch dann, wenn diese sich eher ungeplant ergibt. Stent nennt hier richtigerweise die Unterstützung rechtspopulistischer Parteien durch Moskau, wie der AfD in Deutschland, deren Aufstieg Putin quasi in den Schoß fiel.

Wer allerdings in „Putins Russland“ auf eine Analyse hofft, die Neues zutage fördert, der wird vergeblich in dem Buch blättern. Der Leser erfährt weder Insiderwissen über die Motivlage Putins, noch kluge Prognosen über das, was womöglich kommen wird. Das vielversprechende Unterkapitel „Trump und Putin“ etwa erschöpft sich in Nachrichten über den bisherigen Verlauf der Begegnungen der beiden Präsidenten. Wenig erhellend ist es zudem, wenn man Sätze wie diese lesen muss: „Russland ist berechenbar, bis es das nicht mehr ist, und der Westen könnte sich in den kommenden Jahren mit unerwarteten Entwicklungen konfrontiert sehen.“ Dass sich immer wieder solch hölzerne Tautologien finden, ist schade, weil das Buch in der Summe dann doch mehr zu bieten hat.

Angela Stent: Putins Russland. Rowohlt 2019, 576 Seiten, 25 Euro

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