https://www.faz.net/-gpf-7ms4e

Russland und die Ukraine : Bedrohung ist Auslegungssache

Mit Blick nach innen ist der russischen Elite weiterhin daran gelegen, den Umstand so gut es geht unter den Teppich zu kehren, dass sich die ukrainischen Revolution nicht zuletzt gegen Korruption und Vetternwirtschaft richtete. Man konnte auf dem Majdan von Kiew in den Wochen des Protests Leute treffen, die Russisch als Muttersprache angaben, sich in der russischen Kultur verwurzelt fühlten und doch gegen die Regierung demonstrierten: wegen der Raffgier der Janukowitsch-Seilschaft.

Das kollabierte Machtsystem Janukowitschs erinnert an das Putins: Eine Gallionsfigur an der Spitze gewährleistet(e) Stabilität durch Ressourcenumverteilung innerhalb der Clique. In Russland unterstützt der als Kämpfer gegen Korruption profilierte Oppositionelle Alexej Nawalnyj den „Majdan“ – als Politiker spricht er auch Nationalisten an, wie im Moskauer Bürgermeisterwahlkampf des vergangenen Herbstes.

Nach der Inauguration Medwedjews als Präsident im März 2008

Wenn die Führung in Moskau so tut, als ginge es in der Ukraine vor allem gegen Russland und russische Kultur, schützt sich auch ihre eigenen Interessen. Eine Steilvorlage hat sie dabei vom ukrainischen Parlament bekommen, das unmittelbar nach dem Sturz Janukowitschs jenes Gesetz, das Russisch in einigen Regionen des Landes zur zweiten Amtssprache machte, aussetzte.

Russland als Opfer von Verschwörungen

Das Bild von der eigenen Bedrohtheit kennt der überwiegende Teil der Russen, der sich über das Staatsfernsehen informiert, gut. In dessen Programm erscheint nicht nur der Majdan als Hort von Faschisten: Russland wird als Opfer von Verschwörungen dargestellt. Kurz vor dem Umsturz in Kiew zum Beispiel zeigte das Staatsfernsehen den angeblichen Dokumentarfilm „Biochemie des Verrats“. Dieser suggerierte einen fortdauernden Kampf des Auslands gegen Russland unter Waffenhilfe von dessen „inneren Feinden“, „Verrätern“ wie General Wlassow, der an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands gegen die Sowjetunion kämpfte.

An opportunen Stellen blendeten die Macher des Films Bilder von Nawalnyj und anderen Oppositionellen ein, etwa den Pussy-Riot-Aktivistinnen. Dass sich Wlassow selbst als Kämpfer gegen das bolschewistische Terrorregime darstellte spielte im Film ebenso keine Rolle wie die Millionen Opfer des Stalinismus. Die Botschaft des Films lautete: Die „Feinde“ wollen Russlands Aufstieg bremsen.

Als „Feinde“ hatte die russische Regierung nach der Protestbewegung der Jahre 2011 und 2012 im Landesinneren Nichtregierungsorganisationen, nationale und „sexuelle“ Minderheiten ausgemacht. Kampagnen gegen sie soll(t)en von der abnehmenden Beliebtheit Putins ablenken – allerdings ohne langfristigen Erfolg. In der Ukraine-Krise hingegen lassen sich die russischen Urängste vor Revolution und Chaos trefflich mit dem verbreiteten Antiamerikanismus und der traditionellen Gegnerschaft zur Nato verbinden. Dabei stellt die Führung die – an sich beliebte – Europäische Union als Erfüllungsgehilfin der Vereinigten Staaten dar.

Der Mann, der über Krieg und Frieden entscheidet, hält sich zur Lage in der Ukraine bisher alle Optionen offen. Im Jahr 2008, als Medwedjew seine „Doktrin“ aufstellte, hatte Putin – anders als eine internationale Untersuchungskommission – einen „Völkermord“ an den Osseten durch georgische Streitkräfte ausgemacht. Damals war er Ministerpräsident.

Weitere Themen

Gegen die Zombies

FAZ Plus Artikel: Erbe der Sowjetunion : Gegen die Zombies

Wo früher die Sowjetunion war, herrschen heute oft Diktatoren, alte Seilschaften und Korruption. Immer mehr junge Leute, denen die eingeimpfte, angstvolle Einordnung ins Kollektiv fremd ist, wollen einen anderen Weg gehen.

Wer ist Boris Johnson? Video-Seite öffnen

Schillernd und umstritten : Wer ist Boris Johnson?

Der wirre Haarschopf ist unverkennbar: Boris Johnson liebt den großen Auftritt. Der Brexit-Hardliner ist eine der schillerndsten und umstrittensten Persönlichkeiten der britischen Politik.

Die Fortsetzung der Revolution

Wahlen in der Ukraine : Die Fortsetzung der Revolution

Die Ukrainer wählen an diesem Sonntag ein neues Parlament. Ihm werden voraussichtlich viele junge Menschen angehören, die sich bei einem Casting durchgesetzt haben – bei dem sie zur Probe „Gesetzentwürfe“ schreiben mussten.

Topmeldungen

Gefährliche Hitzewelle : Amerikas Sommer der Extreme

In vielen Gegenden Amerikas herrschen derzeit gefährlich hohe Temperaturen. Städte wie New York müssen sich in Zukunft auf noch extremere Sommer einstellen, warnen Klimaforscher.
Boris Johnson: Favorit auf das Premierministeramt in Großbritannien

Großbritannien : CDU traut Boris Johnson positive Überraschung zu

Boris Johnson dürfte heute das Rennen um die Regierungsspitze für sich entscheiden. Aus der CDU bekommt er Lob für seine Intelligenz. Der frühere Premier Tony Blair hält einen Brexit ohne Abkommen für ausgeschlossen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.