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Türkei-Russland-Deal : Gemeinsam gegen die Nato

Ein Deal, ein Handschlag: Der türkische Präsident Erdogan kauft bei Putin in Russland ein Flugabwehrsystem ein (Symbolbild). Bild: AFP

Die Türkei kauft ein Flugabwehrsystem in Russland. Dabei war Ankara lange Zeit an chinesischen Waffen interessiert. Möchte Erdogan die Nato verlassen?

          Ankara und Moskau lieferten einander am Dienstag rhetorische Schützenhilfe. Adressaten des inszenierten Paarlaufs waren die Nato-Verbündeten der Türkei, mit denen beide Länder aus unterschiedlichen Gründen über Kreuz liegen. Anlass ist der Ankauf eines russischen Flugabwehrsystems vom Typ S-400 durch die Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte, man habe eine Anzahlung geleistet, über den Rest werde „Russland uns einen Kredit geben“. Kurz darauf veröffentlichte die russische Staatsnachrichtenagentur Tass ein Interview mit Wladimir Koschin, der Präsident Putin in Sachen Rüstungszusammenarbeit berät. Koschin sagte, der Vertrag werde „zur Erfüllung vorbereitet“. Dass das Dokument unterschrieben worden sei, hatte Erdogan Ende Juli bereits mitgeteilt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das Geschäft mit den mobilen Boden-Luft-Raketen hat eine lange Vorgeschichte. Im September 2013 hatte die türkische Regierung noch verkündet, ein Abwehrsystem in China kaufen zu wollen. Zu den Bewerbern um den nach damaligem Kurs etwa drei Milliarden Euro teuren Auftrag gehörten auch die amerikanischen Rüstungskonzerne Raytheon und Lockheed Martin, die das in der Nato vielfach verwendete Patriot-System im Angebot haben. Außerdem boten ein französisch-italienisches Konsortium und Russlands staatlicher Konzern Rosoboronexport mit. Doch kein Anbieter aus Nato-Partnerländern sollte zum Zuge kommen. Ankara nahm stattdessen Verhandlungen mit der chinesischen „Precision Machinery Import-Export Corporation“ auf, was im Westen als Provokation gewertet wurde. Manche wollten darin sogar einen Vorboten für einen Plan Erdogans sehen, sein Land aus der Nato zu führen und einem wie auch immer gearteten Bündnis mit Russland und China anzuschließen.

          Auch Griechenland nutzt russische Waffen

          In Ankara wurde die Entscheidung anders erklärt: Erstens sei das chinesische System günstiger, zweitens böten die Chinesen einen Technologietransfer an: China sei bereit, gemeinsam mit dem staatlichen türkischen Rüstungskonzern Aselsan einen Teil des Abwehrsystems in der Türkei zu bauen. Das passt in das Konzept der türkischen Regierungspartei AKP, zu den führenden Rüstungsexporteuren der Welt aufzuschließen. „Wenn wir das, was wir brauchen, in der Nato nicht bekommen können, dann müssen wir nach anderen Quellen suchen“, begründete Erdogan das geplante Geschäft mit den Chinesen. Doch das kam nie zustande, denn gegen die Chinesen waren Sanktionen verhängt worden, wegen Geschäften mit Iran, Syrien und Nordkorea.

          Fortan verhandelte die Türkei mit Russland. Aus amerikanischer Sicht war das noch schlimmer, doch Erdogan zeigte sich unbeeindruckt. Nach Gesprächen mit Putin im März dieses Jahres sagte der türkische Präsident, schließlich nutzten andere Nato-Staaten ebenfalls russische Raketenabwehrsysteme. Tatsächlich hat Griechenland seit den neunziger Jahren das auf Kreta stationierte russische Vorläufersystem S-300 in seinem Arsenal. Noch interessanter wurde das mögliche Geschäft für Ankara, weil Russland eine Teilfertigung in der Türkei zumindest nicht ausschloss. Auf dem internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg in diesem Jahr sagte Putin vieldeutig: „Derzeit produzieren wir solche Systeme nicht im Ausland. Aber alles in allem ist nichts unmöglich.“

          Der Kaufpreis bleibt ungewiss

          Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu hatte zuvor behauptet, man spreche mit den Russen über eine gemeinsame Produktion, die Verhandlungen seien weit gediehen. Tass berichtete im Juni, Russland und die Türkei verhandelten über technische Einzelheiten der Lieferung. Westliche Diplomaten in Ankara mutmaßten, es könne sich dabei um einen Bluff handeln, mit dem die Türkei westlichen Anbietern bessere Bedingungen abtrotzen wolle. Die jüngsten Äußerungen Erdogans und Koschins deuten darauf hin, dass es womöglich kein Bluff war.

          Russland geht es um mehr, als nur zu zeigen, dass es große Nachfrage nach S-400 gebe. Moskau hatte zuvor mit China und Indien Geschäfte über die Lieferung des Systems abgeschlossen, die Auslieferung nach China soll im April begonnen haben. Die Details des Vertrags, auch der Kaufpreis bleiben ungewiss. Der Moskauer Militärfachmann Alexander Golz vermutet, dass die Türkei die Exportvariante „Triumph“ erhalte und die leistungsfähigeren S-400-Varianten dem heimischen Gebrauch vorbehalten blieben. Er bezweifelt, dass Russland einwilligen werde, wesentliche Teile der S-400 in der Türkei herzustellen – wenn überhaupt, werde es „symbolische“ Schritte geben, aus Sicherheitsgründen. Schließlich ist die Türkei nicht nur ein Nato-Mitglied, sondern schoss im November 2015 auch ein russisches Kampfflugzeug im syrischen Grenzgebiet ab. Der Vorfall führte zu monatelangen Spannungen und auch zu einer S-400-Stationierung auf Russlands Luftwaffenstützpunkt in Nordsyrien, als Drohgebärde auch Richtung Türkei.

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