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Russland und die Nazi-Vergleiche : 1938 wurde ihm zum Verhängnis

Ein schreckliches Abenteuer? Russische Soldaten auf der Krim Bild: REUTERS

Wladimir Putin hat in seinem Fernsehauftritt auf die Machtergreifung der Nazis verwiesen. Ein Historiker seines Außenministeriums vergleicht die drohende russische Invasion in der Ukraine mit Österreichs „Anschluss“ an Deutschland - und wird dafür entlassen.

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          Russlands Präsident Wladimir Putin hat bei seiner Pressekonferenz am Dienstag auf die Umstände angespielt, unter denen die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Er zog einen Vergleich zwischen den „entfesselten Neonazis“, die in der Ukraine wüteten, und der SA unter Führung Röhms vor Hitlers „Machtergreifung“. Putin kombinierte so für das Publikum des Staatsrundfunks zwei russische Traumata des 20. Jahrhunderts: Die Erinnerung an den Angriff des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion und die Furcht vor revolutionären Wirren.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS.

          Historische Vergleiche und Anspielungen sind der russischen politischen Rhetorik häufig; auch Putins Kritiker in Russland ziehen nun Vergleiche mit der Zeit des „Dritten Reichs“. Doch geht es ihnen nicht um das Jahr 1933 und seine Vorgeschichte, sondern um das Jahr 1938. Einem dieser Kritiker ist das nun zum Verhängnis geworden.

          Andrej Subow, ein Historiker, veröffentlichte am Samstag - dem Tag, an dem sich Putin ermächtigen ließ, Truppen in die Ukraine zu schicken - einen Artikel in der liberalen Wirtschaftszeitung „Wedomosti“. Der Artikel trägt die Überschrift „Das hat es schon gegeben“ und vergleicht die drohende russische Invasion in der Ukraine mit Deutschlands „Anschluss“ von Österreich 1938. „Wir stehen an der Schwelle“, schreibt Subow, „zu einer völligen Zerstörung des Systems völkerrechtlicher Verträge, zu wirtschaftlichem Chaos und politischer Diktatur. An der Schwelle zu einem Krieg mit unserem allernächsten, verwandten Volk der Ukraine, zur abrupten Verschlechterung der Beziehungen zu Europa und Amerika, an der Schwelle zu einem kalten, und möglicherweise, einem heißen Krieg mit ihnen.“

          „Wir müssen zu Verstand kommen“

          Die Propaganda des Kreml von der angeblichen „Bedrohung“ von Russen in der Ukraine, die Installierung eines neuen, moskautreuen Regierungschefs auf der Krim, das dort geplante Referendum unter russischer Aufsicht - all das erinnert Subow (und nicht nur ihn) an die Vorbereitung des deutschen Einmarschs in Österreich und den nachfolgenden Plebiszit, der den „Anschluss“ besiegelte. Damals sei es der 10. April gewesen, heute der 30. März. Subow schreibt, niemand tue den Russen auf der Krim etwas zu leide, nehme ihnen das Recht auf die eigene Sprache; sie bedürften keines Schutzes. Subow schreibt, wenn der Westen darauf nicht mit „appeasement“ reagiere, sondern Sanktionen verhänge, werde die ohnehin schwächelnde russische Wirtschaft zusammenbrechen.

          Wenn aber der Kreml mit seinen Anschlussplänen durchkomme, so Subow, sei leicht vorstellbar, dass morgen angebliche Hilfsappelle von Russen unter anderem aus Teilen Kasachstans und Kirgistans vernommen würden. „Wir müssen zu Verstand kommen“, schreibt Subow: „Unsere Politik wird unser Volk in ein schreckliches, grauenhaftes Abenteuer hineinziehen.“ Die Geschichte lehre, das nichts so teuer bezahlt werde. „Wir sollten nicht tun, was seinerzeit die Deutschen auf die Versprechen von Goebbels und Hitler hin getan haben.“ Der 62 Jahre alte Subow lehrt an dem Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen, das zum Außenministerium gehört.

          Am Dienstag sagte Subow dem Nachrichtenportal „slon.ru“, er sei entlassen worden, nachdem er sich geweigert habe, eine Erklärung zu unterzeichnen, gemäß der er auf eigenen Wunsch das Institut verlasse. Ihm sei direkt gesagt worden, dass dies wegen des Artikels erfolge. Am Mittwochmorgen dementierte der Leiter des Instituts, Anatolij Torkunow, dass der Professor schon entlassen worden sei. Die Position, die Subow vertreten habe, teilten viele nicht, äußerte Torkunow laut der Nachrichtenagentur Interfax. Auch er, Torkunow, teile sie nicht. Aber „alle Prozeduren im Zusammenhang mit Einstellung und Entlassung“ würden „in Übereinstimmung mit dem Gesetz durchgeführt“. Er sei überrascht, dass die Sache soviel „Lärm“ gemacht habe.

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