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Russland und die Kurden : Syrien ist jetzt Putins Spielfeld

Putin am Montag zu Besuch beim saudischen König Salman in Riad. Bild: dpa

Russlands Präsident ist die Spinne im Netz der Konflikte des Nahen Ostens. Sein Triumph hat auch damit zu tun, dass die Amerikaner ihn in Syrien lange Zeit gewähren ließen.

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          Es war eine Szene, wie bestellt für das kremltreue Fernsehen: Auf einer Schnellstraße im Norden Syriens begegnen sich amerikanische Truppen und Einheiten des Assad-Regimes. Die Uniformierten auf dem Pritschenwagen unter syrischer Flagge rücken ein. Die Militärfahrzeuge der Amerikaner ziehen ab. Es sind Bilder einer Machtübergabe, die über das Kampfgebiet hinausstrahlen. Präsident Donald Trump hat nicht nur die langjährigen kurdischen Alliierten sich selbst überlassen. Er überlässt Wladimir Putin das Feld.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der russische Präsident unternahm in den Tagen des Erfolgs eine symbolträchtige Reise zu engen Verbündeten von Moskaus amerikanischen Rivalen. Am Montag empfing ihn der saudische König in Riad, am Dienstag reiste Putin in die Vereinigten Arabischen Emirate. Allein die Blaskapellen, die sich offenbar noch an die neuen Machtverhältnisse gewöhnen müssen, ließen Putin nicht bloß schweigend genießen, sondern auch still leiden. Sie spielten die russische Nationalhymne schaurig-schräg bis zur Unkenntlichkeit.

          Trotz der schiefen Töne zur Begrüßung passt die Tour aus der Sicht des russischen Staatschefs bestens in eine Zeit, in der Russland in Syrien, ja in der ganzen Region noch bedeutender wird. Das russische Staatsfernsehen kostet genüsslich den „Verrat“ des amerikanischen Präsidenten an den Kurden aus. Das ist auch jenseits des Nahen Ostens nützlich, der den wenigsten Russen etwas bedeutet. Am Sonntagabend zitierte Dmitrij Kisseljow, Putins wichtigster Fernsehpropagandist, in seiner Wochenschau den bangen Artikel einer polnischen Zeitung: Ob Amerika nun auch Polen so im Stich lassen werde wie die Kurden? Zudem wurde an die Bedeutung der syrischen Flüchtlingsfrage für Europa erinnert.

          Putin versteht es, niemanden zu verprellen

          Putin selbst gefällt sich – auch wenn seine Luftwaffe Krankenhäuser bombardiert – als Friedensstifter und als Spinne im Netz. Russische Militärs stünden mit „Kurden, Türken und Syrern“ in Kontakt, heißt es aus russischer diplomatischer Quelle. So werde eine „vollumfängliche Eskalation“ verhindert. Das gilt auch im Großen für Länder wie Iran, Saudi-Arabien, Israel, Ägypten und die Türkei. Untereinander sind sich die Männer an der Spitze spinnefeind; mit Putin reden alle. Der russische Machthaber versteht es, sich bedeckt zu halten und niemanden zu verprellen. Er pflichtet öffentlich nicht der saudisch-amerikanischen Überzeugung bei, dass Iran hinter dem Angriff auf die saudischen Ölanlagen von Abqaiq im September steckt. Das Staatsfernsehen zeigt dem Heimatpublikum zwar die Raketentrümmer, sagt aber nichts zu den Urhebern des Angriffs, sondern redet amerikanische Luftabwehrsysteme schlecht und empfiehlt russische.

          Als ihn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan vor dem Beginn der Militäroffensive in Moskau anrief, gab ihm Putin laut dem Kreml auf, „die allgemeinen Bemühungen zur Lösung der syrischen Krise nicht zu beschädigen“. Putins Sprecher, Dmitrij Peskow, sagte, man lasse „Handlungen der Türkei zur Gewährleistung der eigenen Sicherheit“ zu, konkret „Widerstand gegen terroristische Elemente“. Gemeint waren die Kurden. Berichte über Terroristen des „Islamischen Staats“ (IS), die nun aus kurdisch bewachten Lagern freikommen, haben öffentlich nur diskrete Äußerungen aus dem russischen Verteidigungsministerium zur Folge. Solche „Schlüsselfragen“ seien Gegenstand von „Verhandlungen zwischen Moskau und Ankara“, heißt es.

          Selbst durch den Handel der bedrängten Kurden mit Putins Damaszener Vasallen werden Moskau und Ankara nicht (wieder) zu Gegnern: Die Akteure halten einander aus russischer Sicht in Schach, sind ihrerseits auf Moskau angewiesen, um Zusammenstöße zu vermeiden respektive zu schlichten. Der russische Vorschlag, nach dem Erdogan die Kontrolle über einen schmalen Streifen entlang der Grenze und Assad über den Rest von Syrien bekommt, könnte Realität werden, auch wenn das Risiko einer Konfrontation zwischen Moskau und der Türkei besteht. Danach gefragt, sagte Kreml-Sprecher Peskow, daran wolle er gar nicht denken. Um das zu verhindern, gebe es diplomatische und militärische Kanäle.

          Wenn es nicht nach seinen Vorstellungen läuft, kann Putin auch anders. Als Erdogan nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die türkische Luftwaffe im November 2015 gut ein halbes Jahr lang in Ungnade fiel, hofierte Moskau direkt die Kurden, die sogar eine eigene Vertretung in Moskau eröffnen durften – die bald nach der Versöhnung mit Ankara jedoch wieder verschwand. Als Erdogan im Norden Syriens – trotz Drängens der russischen Diplomatie – im Alleingang einen Sicherheitszonen-Deal mit Washington aushandelte, zahlte Putin es Ankara auf seine Weise heim: Das russische Militär verhalf den Truppen Assads in der Provinz Idlib zu Siegen über die von der Türkei geförderten islamistischen Rebellen.

          Jetzt wird unter Moskauer Vermittlung der Norden Syriens neu aufgeteilt – ohne die Vereinigten Staaten, wo der Allianz mit den Kurden nachgetrauert wird. „Ich schäme mich“, sagten amerikanische Soldaten, die in Syrien an der Seite der kurdischen Milizen im Einsatz waren. Letztere haben im Krieg gegen den IS fast 11000 Mann verloren und Tausende Quadratkilometer und Millionen von Menschen befreit. General Joseph Votel, seinerzeit Befehlshaber des für die Region zuständigen Zentralkommandos des amerikanischen Militärs, erklärte in einem Beitrag für die Zeitschrift „The Atlantic“, die amerikanisch-kurdische Partnerschaft sei eine „der erfolgreichsten“ überhaupt gewesen. Brett McGurk, bis Ende 2018 Sondergesandter für die internationale Allianz gegen den IS, ließ zuletzt kaum einen Tag verstreichen, ohne auf Twitter das „totale Desaster“ anzuprangern, das Trump im Norden Syriens angerichtet habe.

          Langjährige Syrien-Beobachter vermissen dabei selbstkritische Fragen. „Die Tatsache, dass Putin jetzt triumphiert, hat eine Menge damit zu tun, dass die Vereinigten Staaten ihm jahrelang freie Hand in Syrien gelassen haben“, sagt Emile Hokayem von der Denkfabrik IISS. „Es wird auch oft vergessen, dass im Jahr 2014 arabische Rebellengruppen im Nordwesten Syriens gegen den IS gekämpft haben – zur gleichen Zeit, als Präsident Barack Obama die Terrororganisation als JV (Junior Team) für Al Qaida bezeichnet hat“, erklärt er. „Zu jener Zeit zögerten die Vereinigten Staaten, diese Gruppen zu unterstützen, weil diese sich auch dem Kampf gegen Assad verschrieben hatten und Amerika Sorge hatte, in den Konflikt verstrickt zu werden.“

          Washington schätzte die Kurden als Alliierte

          Die Wahl fiel auf die Kurden, die sich mit dem Regime in Damaskus arrangiert hatten und außerdem – anders als die arabischen Assad-Gegner in Syrien – über gut organisierte Milizionäre verfügten. General Votel schrieb in seinem Nachruf auf die Allianz mit den Kurden, den arabischen Gruppen, die von der Türkei ausgebildet worden waren, hätte man Zehntausende amerikanische Soldaten an die Seite stellen müssen. Die kurdischen Milizionäre der „Volksverteidigungskräfte“ (YPG) hingegen seien kampferprobt und entschlossen gewesen. Dass es sich um Gefolgsleute von Abdullah Öcalan handelte, dessen PKK-Organisation in Washington als Terrororganisation geführt wurde, schreckte die Amerikaner nicht, verlangte ihnen aber die eine oder andere Verrenkung in der Außendarstellung ab. „Die arabischen Gruppen waren die Ersten, die von Washington im Stich gelassen wurden“, sagt Hokayem.

          Anfang 2016 bekriegten sich die von den Amerikanern unterstützten Gruppen in Syrien gegenseitig. Kurdische Milizionäre griffen im Windschatten von Offensiven des Regimes und russischer Luftangriffe Rebellen an, die von Washington gefördert wurden. In Teilen der amerikanischen Führung herrschte der Verdacht, es habe eine direkte Koordinierung zwischen den Kurden und Assad gegeben. Damals gab es Meinungsverschiedenheiten in Washington. Ein Teil des Sicherheitsestablishments drang auf den Aufbau einer starken arabischen Truppe. Ein anderer, dazu gehört McGurk, warb für die Kurden.

          Während Washington die Kurden als Alliierte im Kampf gegen den IS schätzte, wollte es deren Ambitionen auf einen eigenen Staat nicht unterstützen. Und das war kein Geheimnis. Der amerikanische Syrien-Sondergesandte James Jeffrey zum Beispiel hat das immer wieder erklärt. Ende Mai sagte er vor dem Auswärtigen Ausschuss des Repräsentantenhauses über die kurdischen Alliierten: „Wir haben keine politische Zukunft, die wir ihnen anbieten können.“ Die Zukunft, die Amerika anbiete, sagte Jeffrey weiter, liege in einem friedlichen und demokratischen Syrien. Einer solchen Zukunft steht aber Putin im Weg.

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