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Russland und die Kurden : Syrien ist jetzt Putins Spielfeld

Wenn es nicht nach seinen Vorstellungen läuft, kann Putin auch anders. Als Erdogan nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die türkische Luftwaffe im November 2015 gut ein halbes Jahr lang in Ungnade fiel, hofierte Moskau direkt die Kurden, die sogar eine eigene Vertretung in Moskau eröffnen durften – die bald nach der Versöhnung mit Ankara jedoch wieder verschwand. Als Erdogan im Norden Syriens – trotz Drängens der russischen Diplomatie – im Alleingang einen Sicherheitszonen-Deal mit Washington aushandelte, zahlte Putin es Ankara auf seine Weise heim: Das russische Militär verhalf den Truppen Assads in der Provinz Idlib zu Siegen über die von der Türkei geförderten islamistischen Rebellen.

Jetzt wird unter Moskauer Vermittlung der Norden Syriens neu aufgeteilt – ohne die Vereinigten Staaten, wo der Allianz mit den Kurden nachgetrauert wird. „Ich schäme mich“, sagten amerikanische Soldaten, die in Syrien an der Seite der kurdischen Milizen im Einsatz waren. Letztere haben im Krieg gegen den IS fast 11000 Mann verloren und Tausende Quadratkilometer und Millionen von Menschen befreit. General Joseph Votel, seinerzeit Befehlshaber des für die Region zuständigen Zentralkommandos des amerikanischen Militärs, erklärte in einem Beitrag für die Zeitschrift „The Atlantic“, die amerikanisch-kurdische Partnerschaft sei eine „der erfolgreichsten“ überhaupt gewesen. Brett McGurk, bis Ende 2018 Sondergesandter für die internationale Allianz gegen den IS, ließ zuletzt kaum einen Tag verstreichen, ohne auf Twitter das „totale Desaster“ anzuprangern, das Trump im Norden Syriens angerichtet habe.

Langjährige Syrien-Beobachter vermissen dabei selbstkritische Fragen. „Die Tatsache, dass Putin jetzt triumphiert, hat eine Menge damit zu tun, dass die Vereinigten Staaten ihm jahrelang freie Hand in Syrien gelassen haben“, sagt Emile Hokayem von der Denkfabrik IISS. „Es wird auch oft vergessen, dass im Jahr 2014 arabische Rebellengruppen im Nordwesten Syriens gegen den IS gekämpft haben – zur gleichen Zeit, als Präsident Barack Obama die Terrororganisation als JV (Junior Team) für Al Qaida bezeichnet hat“, erklärt er. „Zu jener Zeit zögerten die Vereinigten Staaten, diese Gruppen zu unterstützen, weil diese sich auch dem Kampf gegen Assad verschrieben hatten und Amerika Sorge hatte, in den Konflikt verstrickt zu werden.“

Washington schätzte die Kurden als Alliierte

Die Wahl fiel auf die Kurden, die sich mit dem Regime in Damaskus arrangiert hatten und außerdem – anders als die arabischen Assad-Gegner in Syrien – über gut organisierte Milizionäre verfügten. General Votel schrieb in seinem Nachruf auf die Allianz mit den Kurden, den arabischen Gruppen, die von der Türkei ausgebildet worden waren, hätte man Zehntausende amerikanische Soldaten an die Seite stellen müssen. Die kurdischen Milizionäre der „Volksverteidigungskräfte“ (YPG) hingegen seien kampferprobt und entschlossen gewesen. Dass es sich um Gefolgsleute von Abdullah Öcalan handelte, dessen PKK-Organisation in Washington als Terrororganisation geführt wurde, schreckte die Amerikaner nicht, verlangte ihnen aber die eine oder andere Verrenkung in der Außendarstellung ab. „Die arabischen Gruppen waren die Ersten, die von Washington im Stich gelassen wurden“, sagt Hokayem.

Anfang 2016 bekriegten sich die von den Amerikanern unterstützten Gruppen in Syrien gegenseitig. Kurdische Milizionäre griffen im Windschatten von Offensiven des Regimes und russischer Luftangriffe Rebellen an, die von Washington gefördert wurden. In Teilen der amerikanischen Führung herrschte der Verdacht, es habe eine direkte Koordinierung zwischen den Kurden und Assad gegeben. Damals gab es Meinungsverschiedenheiten in Washington. Ein Teil des Sicherheitsestablishments drang auf den Aufbau einer starken arabischen Truppe. Ein anderer, dazu gehört McGurk, warb für die Kurden.

Während Washington die Kurden als Alliierte im Kampf gegen den IS schätzte, wollte es deren Ambitionen auf einen eigenen Staat nicht unterstützen. Und das war kein Geheimnis. Der amerikanische Syrien-Sondergesandte James Jeffrey zum Beispiel hat das immer wieder erklärt. Ende Mai sagte er vor dem Auswärtigen Ausschuss des Repräsentantenhauses über die kurdischen Alliierten: „Wir haben keine politische Zukunft, die wir ihnen anbieten können.“ Die Zukunft, die Amerika anbiete, sagte Jeffrey weiter, liege in einem friedlichen und demokratischen Syrien. Einer solchen Zukunft steht aber Putin im Weg.

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