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Proteste in Russland : Wenn das Fass überläuft

Schauspieler und ehemaliger Offizier der Nationalgarde: Pawel Ustinow Bild: dpa

Weil Pawel Ustinow bei einem Protest handgreiflich geworden sein soll, muss der Schauspieler dreieinhalb Jahren in Haft. Eine breite Solidaritätswelle fordert nun die Freilassung Ustinows – ihr gehören auch Politiker der Machtpartei an.

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          Wieder tut sich Erstaunliches in Moskau, und wieder ist von einem Tropfen die Rede, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe. So war es schon im Juni im Fall des Journalisten Iwan Golunow, dem Polizisten Rauschgift untergeschoben hatten: Auf eine Solidaritätswelle von Kollegen und Proteste folgte Golunows Freilassung. Nun zeigen Schauspieler, Regisseure und Künstler Solidarität mit einem am Montag nach einer Justizfarce zu dreieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilten Kollegen. Schon gibt es Zeichen dafür, dass der Kreml die Rufe nach „Freiheit für Pawel Ustinow“ erhört. Noch mehr Beachtung dürften die Machthaber Protesten von überraschender Warte schenken: In der vom Staat abhängigen Lehrerschaft und sogar in der Russischen Orthodoxen Kirche gibt es Widerstand gegen die jüngste Repressionswelle, im Zuge derer schon sieben Männer Haftstrafen erhalten haben.

          Kritik auch in Machtkreisen salonfähig

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Ustinow, so das Gericht, habe am 3. August während einer Protestaktion für die Zulassung von Oppositionskandidaten zur Wahl der Moskauer Stadtverordnetenversammlung einem Nationalgardisten die Schulter verrenkt. Schon vor dem Urteil hatte sich der Schauspieler Konstantin Rajkin, der Ustinow ausgebildet hatte, für die Unschuld des jungen Manns verbürgt, dann das Urteil als „verbrecherische Ungerechtigkeit“ bezeichnet. Am Montagabend beendeten Rajkins Haus und drei weitere Moskauer Theater ihre Vorführungen mit Unterstützungsaufrufen für Ustinow. Schon am Dienstag wurde die Kritik am Urteil auch in Machtkreisen salonfähig: Mitarbeiter der gelenkten Medien bezogen Stellung für Ustinow. Margarita Simonjan, die Chefredakteurin der Senders RT, der schon im Fall Golunow eine entsprechende Funktion zugekommen war, schrieb auf Twitter, Ungerechtigkeit zerstöre den Staat, die Sache werde, wie bei Golunow, „in Ordnung gebracht“.

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