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Russland : Schluss für die Kremljugend

  • -Aktualisiert am

Kurz vor ihrer Auflösung? Die kremltreue Jugendorganisation „Naschi” wird nicht mehr benötigt Bild: AP

Mit viel Geld verbreitete die kremltreue Jugendorganisation „Naschi“ antiwestliche Propaganda und organisierte Massenaufläufe zur Unterstützung Putins. Nun, da die Mission erfüllt ist, wird die Bewegung nicht mehr benötigt und leise beerdigt.

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          An der Fähigkeit, Unruhe zu stiften, hat es der Kremljugend „Naschi“ (“Die Unsrigen“) zu keiner Zeit gemangelt. Sie jagte den britischen Botschafter in Moskau, weil der es gewagt hatte, vor russischen Demokraten zu sprechen, belagerte die estnische Botschaft oder leistete in Estland politische Wühlarbeit. In Moskau verteilten Aktivisten der Bewegung an Passanten Tausende von Broschüren mit Horrorpropaganda: Russland werde zur amerikanischen Kolonie, die Moskauer Flaniermeile, die Twerskaja, werde in George-W.-Bush-Straße umbenannt, und die Nato werde intervenieren und die Föderation zerschlagen, wenn Russland nach Putin im Chaos versinke, hieß es darin. Russland stand vor einer Wahl.

          Aber nun soll mit alldem Schluss sein. Als die Anhänger der Kremljugend dieser Tage vor der Moskauer Vertretung der EU-Kommission protestierten, weil einer der Aktivisten, der illegal von Weißrussland nach Litauen eingereist war und weiter nach Estland reisen wollte, um dort den Protest gegen die Verlegung eines sowjetische Kriegerdenkmals wieder anzuheizen, festgenommen worden war, löste die Moskauer Miliz die Kundgebung kurzerhand auf. Auch Massenaufmärsche zur Unterstützung Putins, zu denen in der Zeit vor der Dumawahl im Dezember Zehntausende „Naschisten“ mit Autobussen nach Moskau gebracht wurden, soll es nicht mehr geben. Warum auch? Putin sitzt fest im Sattel und wird auch nach der Präsidentenwahl im Zentrum der Macht bleiben.

          „Naschi“-Gründer mit Regierungsposten entlohnt

          Die „Naschisten“ haben in den Monaten vor der Wahl zur Entfachung einer landesweiten politischen Hysterie unter dem Motto „Putin oder das Chaos“ beigetragen die Putin zum Titel eines „nationalen Führers“ verhalf und den Wahlsieg für die Kremlpartei „Einiges Russland“ in der Dumawahl begünstigte. Ihr Führer Wassilij Jakimenko, der die Bewegung „Naschi“ auf Geheiß des Kremls und - wie es heißt - mit Staatsgeld im Frühjahr 2005 geschaffen hatte - angeblich um die Gefahr einer orange Revolution in Russland zu bannen - wurde im Herbst mit einem Regierungsposten belohnt und hat die Bewegung verlassen. Andere Mitglieder der Führungsebene wurden mit Abgeordnetenmandaten des „Einigen Russland“ entlohnt.

          Am Dienstag berichtete nun die Zeitung „Kommersant“ unter Berufung auf Gewährsleute im Kreml, die Bewegung werde zumindest in ihrer bisherigen Form, als straff nach dem Führerprinzip strukturierte russlandweite Einheitsorganisation, nicht mehr benötigt und leise beerdigt. Allenfalls als „aufwuchsabhängiger Verband“ würden vielleicht Reste überdauern. Dabei hatten viele vermutet, sie solle so etwas wie die einstige kommunistische Jugendorganisation der Sowjetzeit werden.

          Dienst erfüllt

          Der Politikwissenschaftler Stanislaw Belkowski äußert die Ansicht, die „Naschisten“ hätten ihren Dienst zu Entfachung antiwestlicher Stimmungen erfüllt. Putins Wunschnachfolger für das Präsidentenamt, Dmitrij Medwedjew, stelle sich aber eher als Freund des Westens dar. Dabei störe die Bewegung nun. Die teuren Propagandabroschüren der Naschisten gegen eine angeblich drohende Intervention der Nato in Russland können demnach eingestampft werden.

          In konkurrierenden Jugendorganisationen der demokratischen Parteien Russlands, die die Gummiknüppel der Miliz zu spüren bekamen, wenn sie Putin auf Protestmärschen kritisierten, während die „Naschisten“ bei ihren Straßenauftritten von den Ordnungskräfte beschützt und gehätschelt wurden, herrscht unverhohlene Freude über das absehbare Ende der Kremljünger: Die „Naschistenorganisation“ sei nichts weiter als eine Art politisches Präservativ gewesen und lande nun nach Erfüllung ihres Zwecks auf dem Müll, heißt es in einem ad hoc formulierten politischen Witz, der nun die Runde macht.

          Zum Abwicklungsprogramm gehört, dass die Finanzmittel weitestgehend gestrichen werden sollen. Davon, heißt es, seien auch andere Bewegungen zum größeren Ruhme der Moskauer Führung betroffen. Mit den Finanzen gab es offenbar schon früher Schwierigkeiten. Die Internetzeitung „Livejournal“ berichtete, dass im November jungen Leuten aus der Stadt Woronesch und einigen anderen Orten von der Jugendorganisation des „Einigen Russland“ oder den „Naschisten“ eine kostenlose „Politreise“ nach Moskau versprochen worden sei, natürlich mit Unterbringung im Hotel.

          Ein Opfer für die „Quoten“

          Stattdessen habe man die Jugendlichen auf einem Truppenübungsplatz in einem Waldgebiet abgeladen und in dünnen Zelten frieren lassen, bis die politischen Instrukteure aus Moskau eintrafen. Als Verpflegung habe es Fischkonserven mit abgelaufenem Verfallsdatum, Gereidebrei und Wodka gegeben. Denn das von oben für einen etwas komfortableren Politourismus vorgesehene Geld sei in privaten Taschen der Funktionäre gelandet. Die „Quoten“ hätten aber dennoch gebracht werden müssen. Als junge Frauen dieses Lager der Enttäuschung hätten verlassen wollen und ihr Gepäck aus den Autobussen zurückforderten, seien sie von den betrunkenen Fahrern vergewaltigt worden, die sich dann ihrerseits mit Koffern und Rucksäcken auf Nimmerwiedersehen davongemacht hätten. Verhätschelt werden sollte die angeblich „neue Elite Russlands“ also wohl nicht.

          Einige der Beteiligten sind unter Protest ausgestiegen. So zum Beispiel Aleksej Radow aus der Führung der Woronescher Abteilung der „Jungen Garde“ der Kremlpartei „Einiges Russland“. Dieser Tage gab er seinen Posten auf. Zum Abschied ließ Radow die Öffentlichkeit wissen, dass ihn die Arbeit mit Politikern und Staatsdienern der „Machtvertikale“ Präsident Putins im Wahlkampf nur eines gelehrt habe: dass die politische Entwicklung in Russland auf falschen Geleisen verlaufe.

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