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Russland : Pussy-Riot-Mitglieder erneuern Kritik am „System Putin“

  • Aktualisiert am

Pussy-Riot-Mitglied Nadjeschda Tolokonnikowa im Glaskäfig. Auf ihrem T-Shirt steht die Aufschrift „No pasaran“ - die Kampfparole der spanischen Kommunistin Dolores Ibarruri. Bild: AFP

Die Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot haben Russlands Präsident Putin in ihren Schlussplädoyers scharf angegriffen. Das Urteil gegen die drei Frauen soll am 17. August ergehen.

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          Im Prozess gegen drei junge Frauen von der russischen Punk-Band Pussy Riot soll das Urteil am 17. August ergehen. Das gab die Richterin Marina Syrowa nach den Schlussworten der Angeklagten Marija Aljochina, Nadjeschda Tolokonnikowa und Jekaterina Samuzewitsch am Mittwoch bekannt. Die Staatsanwaltschaft hatte am Dienstag wegen angeblich erwiesenen Rowdytums, dessen Motiv religiöser Hass gewesen sei und das die Gläubigen tief verletzt habe, Freiheitsstrafen von jeweils drei Jahren gefordert.

          Die Angeklagten hatten Ende Februar vor dem Altar der orthodoxen Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale mit vermummten Gesichtern und in grellen Kleidern in einem „Punk-Gebet“ die Gottesmutter Maria gebeten, den damaligen Präsidentschaftskandidaten Wladimir Putin zu vertreiben, der von der Kirchenführung politisch unterstützt wurde.

          Angriff auf das „System Putin“

          In ihren Schlussworten griffen alle drei Frauen am Mittwoch das herrschende, von Putin geprägte politische System abermals scharf an. Nadjeschda Tolokonnikowa, die in einem T-Shirt mit der Aufschrift „No pasarán“ (Sie werden nicht durchkommen) – der Kampfparole der legendären spanischen Kommunistin Dolores Ibárruri – aus dem verschlossenen Glaskäfig der Angeklagten sprach, sagte: „Wir sitzen im Käfig, aber wir haben nicht verloren.“ Immer mehr Menschen seien überzeugt, dass die Frauen nicht ins Gefängnis gehörten. In Wahrheit stehe deshalb in dem Prozess gegen Pussy Riot das russische Rechtswesen zur Debatte, das sich durch die Willfährigkeit von Ermittlern, Staatsanwälten und Richtern auszeichne, die sich auf Anweisung von oben an der politischen Repression beteiligten. Das autoritäre System, dem der Widerstand von Pussy Riot gelte und das vor allem die Wahrheit fürchte, werde aber „irgendwie“ scheitern. Nadjeschda Tolokonnikowa erinnerte daran, dass in der Sowjetunion am Ende die verfolgten Dissidenten Recht behalten hätten.

          „Wir sind unschuldig“

          Marija Aljochina sagte, die ganze Welt glaube, dass die drei Frauen im Sinne der Anklage unschuldig seien. Aber anstatt die Parole des vormaligen Präsidenten Dmitrij Medwedjew in die Tat umzusetzen, dass Freiheit besser als Unfreiheit sei, huldige das „System Putin“ dem Grundsatz, dass Gefängnis besser sei als Steinigung sei. Die Aufrechterhaltung der Untersuchungshaft der drei Frauen war auch damit begründet worden, dass diese vor aufgebrachten Gläubigen geschützt werden müssten. Für diesen Prozess gegen Pussy Riot werde sich die Staatsmacht noch lange zu schämen haben, sagte Marija Aljochina.

          Jekaterina Samuzewitsch sagte, Putin versuche durch den Schulterschluss mit der Kirchenführung, das Rad der Geschichte in eine Zeit zurückzudrehen, als die Macht noch als von Gott verliehen galt, um sich vor politischen Misserfolgen zu schützen. Mit dem Auftritt in der Kirche habe Pussy Riot die Verlogenheit anprangern wollen, mit der die politische Führung in Anspruch nehme, der orthodoxen Moral wirklich verbunden zu sein. „Wir sind unschuldig im Sinne der Anklage, erwarten aber, schuldig gesprochen zu werden“, sagte Jekaterina Samuzewitsch weiter. Immerhin sei es dem System nicht gelungen, den repressiven Charakter des Verfahrens zu verdecken, und „das ist unser Sieg“.

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