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Kampf gegen Putin : Team Nawalnyj und Russlands ganz neue Form des Protests

Selfie mit Unterstützern: Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyi findet vor allem bei der Jugend Zustimmung. Bild: dpa

Wieder einmal sitzt Aleksej Nawalnyi in Russland in Haft. Die Leute des Oppositionellen arbeiten trotzdem weiter. Ihr Ziel: Putin die Präsidentenwahl vermiesen. Dessen nervöse Freunde bedienen sich schon ganz mieser Methoden.

          6 Min.

          Aleksej Nawalnyj ist in den vergangenen Monaten zum Anführer der russischen Opposition aufgestiegen. An seinen Protesten gegen Korruption haben im ganzen Land Zehntausende teilgenommen. Nawalnyj spricht Russen an, die der Kreml-Geschichte vom alternativlosen Stabilitätsanker Putin, der am Ruder eines von Feinden bedrohten Staatsschiffes Kurs hält, überdrüssig sind. Das gelingt ihm, weil er über soziale Medien und Youtube eine alternative Öffentlichkeit geschaffen hat und viele junge Leute erreicht, die die vom Kreml kontrollierten Medien nicht mehr sehen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Nawalnyjs "Stiftung zum Kampf gegen Korruption" und sein Stab für die Präsidentenwahl im Frühjahr 2018 haben einige Räume im Moskauer "Business Center Omega Plaza" angemietet. Neben der Tür zu Nawalnyjs kleinem Büro steht die Auszeichnung, die ihm Youtube für die ersten 100.000 Abonnenten seines Videokanals verlieh; mittlerweile hat Nawalnyj allein für diesen Auftritt mehr als eine Million Abonnenten. Weil er die Korruption der Elite enthüllt und selbst politische Ambitionen für die Präsidentenwahl hat, fordert der 41 Jahre alte Nawalnyj die Mächtigen direkt heraus. So direkt, dass sein Büro derzeit wieder einmal verwaist ist: Er wurde auf dem Weg zu den jüngsten Protesten in seinem Hauseingang festgenommen und zu dreißig Tagen Haft verurteilt, nach Berufungsverhandlung wurden es 25. Zehn Tage Haft bekam der Direktor der Stiftung.

          Mehr als 120.000 Freiwillige in ganz Russland

          Nawalnyjs Team arbeitet trotzdem weiter. Rund dreißig Leute sind fest für die Stiftung tätig, gut zweihundert weitere im Stab zur Präsidentenwahl, mehr als 120.000 Freiwillige in ganz Russland kommen hinzu. „Jetzt muss jeder noch etwas mehr arbeiten, für sich selbst und für Aleksej", sagt Leonid Wolkow, der Leiter der Wahlkampagne. Nawalnyj hat jeden Donnerstagabend eine Online-Sendung, die hier in einem improvisierten Studio produziert wird. Die Sendung haben nun Mistreiter wie Wolkow übernommen, die sonst auch selbständige Auftritte in Nawalnyjs Alternativöffentlichkeit haben. Das Schema ist schlicht: Moderator, Computer, Kaffeebecher, manchmal ein Kaktus; es geht um Themen, die in den vom Kreml kontrollierten Medien nicht vorkommen.

          An einer Wand hängt eine Karte von Russland mit den knapp fünfzig örtlichen Stäben, die schon im ganzen Land eröffnet sind; 77 sollen es werden. Ansonsten sieht vieles aus wie in einem normalen Großraumbüro. Vor kurzem mussten Nawalnyjs Leute allerdings neue Computer kaufen: Die alten wurden bei einer Razzia wegen der Proteste Ende März beschlagnahmt. Nawalnyj berichtete über den Schaden von mehr als 30.000 Euro, Unterstützer überwiesen Geld für neue Geräte. Nach Angaben von Stab und Stiftung sorgen Zehntausende Kleinspender dafür, dass die Arbeit trotz allen Schikanen weitergeht.

          Diejenigen, die hier arbeiten, sind jung wie der Großteil der Demonstranten: in den Zwanzigern, frühen Dreißigern. Wahlkampfleiter Wolkow ist mit 36 einer der Älteren. Sie kümmern sich um Design, Plakate, Recherche; IT-Spezialisten sind unter ihnen und Juristen, die sich der vielen Klagen gegen Nawalnyj annehmen und aktuell auch Leute unterstützen, die bei den jüngsten Protesten in die Fänge der Sicherheitskräfte geraten sind.

          Etwa, weil sie eine Russland-Fahne schwenkten oder weil sie "Russland wird frei sein" skandierten oder "Putin ist ein Dieb". Ihnen drohen Geldbußen und Haftstrafen. "Wir warnen die Leute", sagt Leonid Wolkow, "und wir erkennen unsere moralische und politische Verantwortung dafür an, dass sie bestimmte Risiken eingehen." Aber man dürfe nicht den Opfern der Willkür die Schuld zuschieben: "Viel größere politische, moralische und strafrechtliche Verantwortung tragen diejenigen, die friedliche Demonstrationen auflösen und falsche Gerichtsverfahren vorantreiben."

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