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Russland nach Pussy Riot : Strafe für Schändung von Kirchen und Kreuzen

  • -Aktualisiert am

Punkband Pussy Riot: In einer Kirche protestiert, nun steht ihnen Lagerhaft bevor Bild: dpa

Gibt es eine Gruppe „Volkswille“, die Kreuze zerstört? Oder ist dies eine Erfindung von „Spin-Doktoren“ des Kremls, um die Protestbewegung in Misskredit zu bringen? Orthodoxe Aktivisten organisieren Patrouillen.

          Kirchenschändungen sollen künftig in Russland strenger bestraft werden. Das kündigte der Duma-Abgeordnete der Regierungspartei Einiges Russland, Aleksandr Sidjakin, am Dienstag an. Er arbeite an einem entsprechenden Gesetzentwurf. Eine Strafverschärfung hatten zuvor russisch-orthodoxe Aktivisten verlangt, nachdem am Wochenende vier Gedenkkreuze im nordwestrussischen Gebiet Archangelsk und bei Tscheljabinsk in Sibirien zerstört worden waren. Im Internet bekannte sich eine bislang unbekannte Bewegung unter dem Namen „Volkswille“ zu den Taten. Die Zerstörung der Kreuze sei die Antwort darauf, wie die Kirche mit der Frauenpunkband Pussy Riot „abgerechnet“ habe. Die Aktivisten wollen so lange Kreuze zerstören, bis die Punkerinnen, die auf Initiative kirchlicher Kreise zu zwei Jahren Haft verurteilt wurden, freigelassen werden.

          Die „Kreuzaktion“ sei aber auch eine Reaktion auf die Anmaßung der Gruppierung „Heilige Rus“, orthodoxe Kirchen und Priester gegen Angriffe von „Gotteslästerern“ zu schützen und deshalb gemeinsam mit der Polizei in russischen Städten Patrouille zu laufen. Der springende Punkt war aus Sicht der Beobachter jedoch, dass der „Volkswille“ behauptete, der Protestbewegung gegen das „System Putin“ nahezustehen, und zur Teilnahme an einer großen Protestdemonstration des Protestlagers Mitte September aufrief. Das führte zur Vermutung, dass der „Volkswille“ eine Erfindung von Spin-Doktoren des Kremls sei, um die Protestbewegung mit der Zerstörung von Kreuzen zu belasten und in Misskredit zu bringen.

          Kritik von Orthodoxen an T-Shirts und Theater

          Orthodoxe Patrouillengänger haben bereits Erfolge im Kulturkampf vorgewiesen. In einer Moskauer Metrostation hielten sie einen jungen Mann wegen eines T-Shirts fest, auf dem ein Protest gegen das Pussy-Riot-Urteil aufgedruckt war. Das Hemd habe die religiösen Gefühle von orthodoxen Gläubigen verletzt, und das sei strafbar, wie das Urteil im „Pussy-Prozess“ gezeigt habe. Dmitrij Bykow, ein Dichter und einer der führenden Köpfe in der Protestbewegung gegen das „System Putin“, warnte, vorläufig gehe es um T-Shirts, später werde vielleicht gegen zu kurze Miniröcke vorgegangen und am Ende würden Gesichter daraufhin geprüft, ob sie ausreichend orthodoxe (russisch-slawische) Züge aufwiesen.

          Am Montagabend war ein Kamerateam des staatlich kontrollierten Fernsehsenders NTW mit einigen „aufgebrachten orthodoxen Gläubigen“ in die Vorstellung eines Moskauer Theaters hineingeplatzt. Auf dem Programm stand das Dokumentarstück „Mit eigenen Augen“, in dem Besucher des äußerst umstrittenen Pussy-Riot-Prozesses, Anwälte der Verurteilten und Reporter, die bei den Verhandlungen vor Gericht zugegen waren, als Laienschauspieler agierten und mit Kritik nicht sparten. Die „aufgebrachten Gläubigen“ forderten unter dem Auge der NTW-Kamera von den Anwesenden, Buße zu tun, weil sie offensichtlich vom Hass auf das russische Volk verzehrt seien.

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