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Justiz in Russland : „Ich hätte nie gedacht, dass ich bei meiner Beerdigung dabei sein würde“

Moskau: Der Journalist Iwan Golunow vor Gericht Bild: EPA

Der Journalist Iwan Golunow wurde den Mächtigen gefährlich. Nun steht er vor Gericht – angeblich wegen Drogenhandels. Selbst für russische Verhältnisse ist der Fall schockierend.

          Eine solche Welle der Solidarität hat Russland lange nicht erlebt. Sie gilt Iwan Golunow, einem 36 Jahre alten Investigativjournalisten des Nachrichtenportals Meduza. Für die Ermittler, die Golunow am Donnerstagnachmittag in Moskau festnahmen, ist es ein ganz normaler Fall von Rauschgifthandel in großem Umfang. Für eine wachsende Öffentlichkeit und viele Russen, die seit Freitag in Moskau und anderen Städten für Golunow demonstrierten, geht es darum, einen Journalisten mit einem fabrizierten Verfahren mundtot zu machen. Und zwar auf brutale Weise, wie um ein Zeichen der Allmacht zu setzen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Als Golunow am Samstagabend einem Richter vorgeführt wurde, in einem Bauklotz im Westen der Stadt, weinte er vor Erschöpfung, hatte kaum geschlafen und gegessen. Auch war die 48-Stunden-Frist, in der man laut Gesetz ohne richterliche Entscheidung festgehalten werden darf, zu diesem Zeitpunkt längst abgelaufen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal bei meiner Beerdigung dabei sein würde“, brachte Golunow hervor. Dass sein Fall selbst für die harten russischen Verhältnisse schockiert, mag erklären, weshalb sich auch viele Vertreter der Staatsmedien für Golunow einsetzen, die sonst kaum mit Medien wie Meduza an einem Strang ziehen.

          „Die Redaktion fordert Blut“

          Golunow hatte am Donnerstag ein kritisches T-Shirt angezogen, das nun auf allen Bildern aus Polizeidienststellen und Gericht zu sehen ist: „Die Redaktion fordert Blut“, steht da auf schwarzem Grund auf der Brust. Am Arm prangt das wohl lizenzlos verwendete Logo des Staatssenders RT. Mehrmals schon sind Journalisten und andere Kritiker der Macht in Russland mit Rauschgiftverfahren überzogen worden, die als fabriziert gelten; der jüngste bekannte Fall betraf den Vertreter der Menschenrechtsorganisation Memorial in Tschetschenien, Ojub Titijew, der im März zu vier Jahren Haft verurteilt wurde und von diesem Montag an vor Gericht steht. Er hofft, auf Bewährung freizukommen.

          Besonders in der Provinz ist die Arbeit als unabhängiger Journalist gefährlich. Ein Faktor für die ungewöhnliche Empörung im Fall Golunow ist daher der Ort der Festnahme: mitten im glitzernden Zentrum von Moskau. Als Journalist hat Golunow die finanzielle Seite dieser Moskauer Pracht detailliert beschrieben, mit Angaben darüber, wer an öffentlichen Aufträgen verdient, am Geschäft mit dem überall verbauten Granit, an der Dekoration von Straßen. Golunow nannte Namen, ordnete Besitztümer zu. Er hat in vielen renommierten Medien gearbeitet und ist als gewissenhafter, genauer Rechercheur angesehen.

          Kollegen und Unterstützer versammeln sich am Samstag vor dem Gerichtsgebäude.

          Aber auch die Umstände seiner Verhaftung alarmieren viele. Erst am frühen Freitagmorgen, Golunow war schon länger als zwölf Stunden in Polizeigewahrsam, rief ein Ermittler eine Freundin Golunows an. Die schaltete Anwälte ein. Polizisten wollen 3,65 Gramm N-Methylephedrin im Rucksack und 5,42 Gramm Kokain in der Wohnung des Journalisten entdeckt haben – so viel, dass es für einen schweren Fall reicht: Golunow drohen bis zu zwanzig Jahre Haft. Der Vorwurf: versuchter Handel mit einer „großen Menge“ an Drogen.

          Golunow gab über seine Anwälte an, den Rucksack während der Polizei-Aktivitäten zeitweise aus den Augen verloren zu haben. In seiner Wohnung seien Beamte zwanzig bis dreißig Minuten allein gewesen. Die Polizei veröffentlichte Bilder, die aus Golunows Wohnung stammen sollten und Säcke mit Pulver zeigten, musste dann aber zugegeben, dass sie bis auf ein Foto gar nicht in Golunows Wohnung aufgenommen worden waren. Der Journalist wurde auch nicht gleich, wie es üblich ist, an Händen und Nägeln auf Rauschgiftspuren untersucht, sondern erst am Freitagabend, nachdem Medien berichtet hatten, die Polizei weigere sich, ihn untersuchen zu lassen.

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