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Justiz in Russland : „Ich hätte nie gedacht, dass ich bei meiner Beerdigung dabei sein würde“

Golunow gab an, geschlagen worden zu sein. Die Polizei wies das zurück. Laut einer Anwältin äußerten Ärzte der Ersten Hilfe den Verdacht auf zwei gebrochene Rippen sowie auf Gehirnerschütterung, stellten Quetschungen und Blutergüsse fest. Golunow wurde erst am Samstagnachmittag auf Drängen der Anwälte in eine von der Polizei ausgewählte Moskauer Klinik gebracht, deren Direktor ein häufiger Gast des Staatsfernsehens ist und außer einem Hämatom am linken Jochbein nichts bemerkt haben wollte.

„Das ist kein Sieg, das ist nur der Anfang“

In zahlreichen Stellungnahmen, Videos und Solidaritätsadressen in Medien und sozialen Netzwerken hieß es über den Fall Golunow: Wenn es nicht gelinge, ihn freizubekommen, könne die Willkür jeden treffen, nicht nur Journalisten.

Ein Beispiel für deren Nöte ist Golunows Arbeitgeber: das Nachrichtenportal Meduza, das zwar auf Russisch berichtet, aber im lettischen Riga sitzt und in Russland nur Korrespondenten hat, entstand aus Teilen der Belegschaft des einst führenden Nachrichtenportals Lenta.ru, das in Moskau beheimatet ist und 2014 auf Linie gebracht wurde. Golunow selbst soll viele Monate lange bedroht worden sein. Im Gerichtssaal sagte er am Samstagabend, das Rauschgift sei ihm wegen einer Enthüllung über das – notorisch umkämpfte und in jeder Hinsicht düstere – Beerdigungsgeschäft untergeschoben worden.

Der im vergangenen August auf Meduza erschienene Artikel beschreibt, wie Staatsdiener diverser ziviler Stellen und Sicherheitsbehörden mit „Banditen“ den Markt teilten. Einen weiteren Artikel zu dem Thema habe er just am Donnerstag seinem Redakteur geschickt, kurz vor der Festnahme, sagte Golunow. Er sei unschuldig, habe nie Drogen genommen und bereit, mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten, wenn sie die „ehrlichen Spielregeln“ einhielten.

Zehntausende unterzeichneten am Wochenende eine Online-Petition für Golunows Freilassung. Am Freitag standen in Moskau Leute Schlange, um mit Schildern in der Hand vor die Moskauer Innenbehörde zu treten – der Reihe nach, einzeln und mit Abstand, denn nur Einzeldemonstrationen sind erlaubt. Einige Journalisten wurden abgeführt, aber später wieder laufengelassen. Am Samstag sammelten sich dann Hunderte junge Russen vor dem Gerichtsgebäude, skandierten „Schiebt euch Gewissen unter“ (statt anderen Leuten Rauschgift) und „Freiheit für Iwan“ – so laut, dass es im Gerichtssaal zu hören war. Als die Nachricht die Runde machte, dass Golunow nicht, wie von den Ermittlern beantragt, wegen „Verdunkelungsgefahr“ in Untersuchungshaft, sondern nach Entscheidung des Gerichts unter Hausarrest gehalten wird, brach Jubel aus. Ohne den Druck, so die einhellige Meinung, wäre es noch schlimmer gekommen.

„Das ist kein Sieg, das ist nur der Anfang“, sagte die Gründerin von Meduza, Galina Timtschenko, nach Verlassen des Gerichtsgebäudes in die Kameras. „Iwan Golunow ist völlig unschuldig und muss frei sein.“ Die Redaktion dankte in einer Erklärung für eine „beispiellose Kampagne der journalistischen Solidarität“ und kündigte an, Golunows Recherchen fortzusetzen.

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