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Russland : Inguschetischer Präsident bei Anschlag verletzt

  • Aktualisiert am

Junus-Bek Jewkurow Bild: AFP

Bei einem Attentat in der russischen Konfliktrepublik Inguschetien ist der Präsident Junus-Bek Jewkurow schwer verletzt worden. Einer seiner Leibwächter wurde getötet.

          3 Min.

          Der Präsident der russischen Teilrepublik Inguschetien, Junus-Bek Jewkurow, ist am Montag bei einem Anschlag in der Nähe der Landeshauptstadt Nasran, schwer verletzt worden. Ein Leibwächter wurde getötet, zwei weitere wurden bei dem Anschlag auf die Autokolonne des Präsidenten schwer verletzt.

          Präsident Medwedjew beauftragte den Geheimdienstchef Aleksandr Bortnikow und Innenminister Raschid Nurgalijew damit, alles Nötige zu unternehmen, um die Lage in der Republik im Nordkaukasus unter Kontrolle zu halten. Nurgalijew flog nach Inguschetien, das seit vielen Monaten Schauplatz von Anschlägen gegen Vertreter der Staatsmacht und von massierten Gegenaktionen der Sicherheitskräfte ist. Erst vor einer Woche war in Inguschetien ein früherer stellvertretender Ministerpräsident ermordet worden. Über Täter und Motive des Anschlags vom Montag herrscht noch Ungewissheit. Medwedjew sagte, Jewkurow habe versucht, in Inguschetien Ordnung zu schaffen und der Zivilgesellschaft Raum zu geben, was den Banditen nicht gefallen habe.

          Jewkurow bemühte sich um Gespräche

          Da sich am Montag zum fünften Mal der Tag jährte, an dem Terroristen unter Führung des inzwischen getöteten tschetschenischen Feldkommandeurs Schamil Bassajew die Landeshauptstadt Nasran überfallen und etwa 100 Angehörige der Sicherheitskräfte getötet hatten, waren in Inguschetien zwar besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. Der Anschlag auf Jewkurow konnte dennoch nicht verhindert werden; die Tat am Montag fand sogar in Nähe des Ortes statt, an dem ein Selbstmordattentäter im April vor fünf Jahren versucht hatte, den Wagen des damaligen Präsidenten Inguschetiens, Murat Sjasikow, in die Luft zu sprengen.

          Der hoch dekorierte Fallschirmjägergeneral Jewkurow, ein gläubiger Muslim, war im vergangenen Herbst von Medwedjew zum Nachfolger Sjasikows ernannt worden, als die Lage in Inguschetien außer Kontrolle zu geraten schien. Sjasikow galt als hochgradig korrupt und unterdrückte jegliche oppositionelle Regung mit Gewalt. Wenige Wochen vor seiner Absetzung war ein prominenter Oppositioneller in Polizeigewahrsam mit einem Kopfschuss getötet worden. Jewkurow ließ nach der Amtsübernahme zwar keinen Zweifel aufkommen, dass er den bewaffneten Untergrund hart bekämpfen wolle, bemühte sich aber zugleich um das Gespräch mit der Bevölkerung. Im Frühjahr berief er eine Volksversammlung ein, auf dem sich auch Unzufriedene äußern durften. Vor kurzem gab er die Nummer seines Mobiltelefons bekannt, damit jedermann in der Republik ihn anrufen und Beschwerden über Missstände vortragen könne.

          Überdies versuchte Jewkurow, durch persönliches Engagement die Blutrache Land einzudämmen. Mit seinem Vorschlag, den bewaffneten Untergrund mit dem Angebot einer Amnestie zum Aufgeben zu bewegen, drang Jewkurow in Moskau indes nicht durch. Immerhin versprach Präsident Medwedjew, die Entwicklung der verarmten Nordkaukasus-Republik mit zusätzlichen Mitteln von 29 Milliarden Rubel (etwa 670 Millionen Euro) zu unterstützen, um die Lage zu stabilisieren und dem Terrorismus den Nährboden zu entziehen. Diese Mittel sollten aber nur dann fließen, wenn bis Anfang Juli ein Plan zur Entwicklung Inguschetiens bis 2015 vorliege. Jewkurow hoffte dadurch, die Arbeitslosigkeit von gegenwärtig 57 auf 35 Prozent zu senken.

          In einem Gespräch mit der Internetzeitung „Gaseta.ru“ kündigte Jewkurow zudem an, sich stärker um die Jugend zu kümmern. Er sagte Universitätsabsolventen Arbeitsplätze in der Republik zu, auch wenn diese angesichts der Lage nur befristet sein könnten. Zudem warb er um mehr Freiraum für muslimische Jugendliche, die sich vom Islam der „Staatsgeistlichkeit“ abwendeten und nach eigenen Glaubenswegen suchten. Man dürfe diese jungen Menschen nicht von vorn herein als gefährliche Sektierer, als „Wahhabiten“, verteufeln. Damit wendete er sich gegen die bisher im ganzen Nordkaukasus übliche Praxis, alle religiösen Strömungen außerhalb der offiziellen Strukturen als „extremistisch“ zu verfolgen.

          Jewkurow hat versucht zu erreichen, dass ein ordentliches Verfahren gegen die mutmaßlichen Teilnehmer des Überfalls auf Nasran vom Juni 2004 eröffnet wird. Die zwölf Beschuldigten sitzen zwar schon mehrere Jahre in Untersuchungshaft, aber immer wieder hatten sich Richter geweigert, die Vorfälle zu untersuchen. Im Frühjahr traf sich Jewkurow mit den Verwandten der Beschuldigten und beauftragte die stellvertretende Vorsitzende des Obersten Gerichts Inguschetiens, Asa Gasgirejewa, endlich für den Beginn eines Prozesses zu sorgen. Gasgirejewa wurde vor zwei Wochen erschossen.

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