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Russlands Cyberkrieg : Wachsam sein immerzu!

Als das Agentenleben noch anstrengend war: Ulrich Mühe als Stasi-Ofizier in „Das Leben der Anderen“ (2007) Bild: AP

Putins Feldzüge an der unsichtbaren Front: Warum sich die liberalen Demokratien des Westens an eine Zeile einer alten Tschekisten-Hymne halten müssen.

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          „Euer Dienst ist die Aufklärung, Namen bleiben geheim. Unauffällig die Leistungen, stets im Blickfeld der Feind. Das Gespräch mit Genossen, viel zu selten daheim, für das Tragen der Orden bleibt oft nicht mehr die Zeit. Wachsam sein immerzu, wachsam sein! Herz ohne Ruh, wachsam sein! Auch in friedlicher Zeit, wachsam sein, nie geschont! Tschekisten, Beschützer des Friedens der Menschen, Soldaten der unsichtbaren Front.“

          Als Markus Wolf, Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit, die Hymne auf die sowjetische Geheimpolizei Tscheka aus dem Russischen ins Deutsche übertrug, waren die „Soldaten der unsichtbaren Front“ noch aus Fleisch und Blut. Sie mussten selbst Wanzen verlegen, Pläne fotografieren, tote Briefkästen leeren – und mitunter Menschen „liquidieren“. Da blieb in der Tat nicht mehr viel Zeit für das Tragen der dafür verliehenen Orden.

          Geschäft der Geheimdienste ist dramatisch leichter geworden

          Die digitale Revolution aber hat auch das Geschäft der Geheimdienste deutlich verändert. Man muss leider sagen: dramatisch erleichtert. Das gilt für die Beschaffung von geheimen Informationen, für das Verbreiten von Desinformation und für das weite Feld der Sabotage. Die bis in jede Wohnung und jedes Kraftwerk hinein vernetzte Welt kann den Tschekisten der Gegenwart nur wie der Himmel auf Erden vorkommen.

          Kein Geheimpolizist muss mehr, wie in „Das Leben der Anderen“ gezeigt, Drähte hinter Tapeten verlegen und dann auf einem kalten Dachboden tagelang ausharren, um verfolgen zu können, was sich unter ihm abspielt. Computer und Handys sind nun seine Augen und Ohren. Sie sagen ihm auch, wofür der Ausgespähte sich im Netz interessiert, wem er was schreibt, wer seine Freunde sind und wie hoch sein Kontostand gerade ist. Um an geheime Informationen in Ministerien und im Bundestag zu kommen, müssen sich nicht mehr „Romeos“ aus dem Osten an einsame Sekretärinnen heranmachen. Die NSA brauchte keinen Guillaume, um zu erfahren, wen die Kanzlerin anrief. Das alles ging und geht aus sicherer Entfernung, indem man sich in Computer, Datenleitungen und Funkverbindungen „hackt“.

          Dem kann mit technischen Maßnahmen entgegengewirkt werden – wenn man denn endlich begriffen hat, dass die Tschekisten, wie im Lied besungen, auch im Frieden niemals ruhen. Doch sind die offenen Gesellschaften des Westens noch an einer anderen Stelle verwundbar, die autoritären Regimen geradezu wie eine Einladung zu Manipulationsversuchen vorkommen muss: Wer die öffentliche Meinung zu beeinflussen weiß, hat in Demokratien Einfluss auf die Politik, in Sach- und Personalfragen. Stasi und KGB versuchten im Kalten Krieg nach Kräften, die Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse in der Bundesrepublik gemäß den Interessen Moskaus zu lenken. An die Friedensbewegung floss viel Geld. Auch im vordigitalen Zeitalter kamen schon Fälschungen und Kompromate zum Einsatz. Doch brauchte man damals noch naive oder willige Helfer, die das Material in den Zeitungen und auf den Fernsehkanälen verbreiteten.

          Auf die sind der Kreml und der Tschekist an seiner Spitze nicht mehr angewiesen. Seine Desinformationsbataillone, in denen zunehmend Roboter die menschlichen Soldaten ersetzen, können ihr Gift direkt ins Internet einspeisen in der Gewissheit, dass dort eine ganze Armee von Freiwilligen bereitsteht, die es mittels der „sozialen Medien“ bis in die dunkelsten Ecken des digitalen Universums verteilt. Die Kernbotschaft lautet: Glaubt nichts – es sei denn, es kommt in abenteuerlichen Versionen aus Moskau. Selbst der nächste amerikanische Präsident scheint für sie empfänglich zu sein.

          Auch nach Stalins Tod gefürchtete Adresse in Moskau: Der Haupteingang des russischen Geheimdienstes FSB und früheren KGB-Hauptquartiers am Lubjanka-Platz.

          Ganz so blauäugig betrachtet man die fast unsichtbaren Aktivitäten Moskaus in Berlin nicht mehr. Doch noch immer wird die nötige politische, technische und organisatorische Reaktion von dem Unwillen oder dem Unvermögen gebremst, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Wer aber will, von Putins unbeirrbarer Anhängerschaft abgesehen, an ihnen noch ernsthaft zweifeln? Der Kreml-Herr schlägt mit seinen digitalen Waffen an allen Fronten zu, die ihm lohnenswert erscheinen. Die Ziele liegen auf der Hand: Diskreditierung und Destabilisierung der politischen Systeme und Bündnisse des Westens; Zersetzung dessen, was man früher Moral nannte; Förderung von politischen Kräften, gegen die sich Moskaus Interessen leichter durchsetzen lassen; und Ausschaltung, wenigstens aber Diskreditierung jener Akteure in Politik und Medien, die dem Erreichen dieser Ziele im Wege stehen.

          Auf all diesen Gebieten kann der Kreml schon Erfolge vorweisen, im In- wie im Ausland. Manchen Schachzug hätte sich auch John le Carré nicht besser ausdenken können. So will Trump dem eigenen Geheimdienst natürlich nicht glauben, dass Moskau den Ausgang der Wahl in Amerika beeinflussen wollte. Im Kreml könnte die CIA auf mehr Zustimmung hoffen. Wo immer die Zersetzungsstrategie funktioniert, wird Moskau sich nicht mit dem Erreichten zufriedengeben. Das, was ein Tschekist als Schwäche ansieht, nutzt er gnadenlos aus. Auch die westlichen Gesellschaften werden sich daher fortan an eine Zeile des „Tschekistenlieds“ halten müssen: „Wachsam sein immerzu, wachsam sein!“.

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