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Verluste auf russischer Seite : Moskau gibt den Toten die Schuld

Eine Gedenkveranstaltung für die in Makijiwka gefallenen russischen Soldaten in der Region Samara Bild: EPA

Russlands Verteidigungsministerium erhöht nach dem ukrainischen Angriff von Makijiwka die bisher genannte Zahl der Getöteten – und weist diesen die Verantwortung zu. Es geht um Schadenbegrenzung.

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          Russlands Verteidigungsministerium hat eine eigene Erklärung zum „tragischen Geschehen“, so die Formel, von Makijiwka abgegeben. Eine in der Nacht auf Mittwoch auf Telegram veröffentliche Meldung gibt die Zahl der Opfer des ukrainischen Raketenangriffs aus der Neujahrsnacht auf eine Berufsschule, in der Besatzungssoldaten untergebracht waren, mit 89 an.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Am Montag war von 63 getöteten Soldaten die Rede gewesen, jedoch ganz am Ende eines der üblichen Tagesbriefings von Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow, der zuvor etliche Zerstörungsmeldungen vorgetragen hatte. Schon das Eingeständnis war bemerkenswert: Es ist überhaupt selten, dass Russlands Militär eigene Verluste zugibt. Und so viele waren es noch nie seit Beginn der groß angelegten Invasion Ende Februar 2022.

          Offenkundig hält Russlands Militär die Auswirkung des Schlags von Makijiwka für potentiell so schwerwiegend, dass es um Schadenbegrenzung bemüht ist. Dafür spricht auch, dass die neue Erklärung nicht von Konaschenkow, sondern von Generalleutnant Sergej Sewrjukow kam. Der stellvertretende Leiter der Militärpolitischen Abteilung verkündete am Ende einer knapp dreiminütigen Ansprache, dass die Schuldigen zur Verantwortung gezogen würden. Allerdings hatte er zuvor schon eigene Schuldige präsentiert: die getöteten Soldaten selbst.

          Sewrjukow erwähnt Munition nicht

          „Schon jetzt ist offensichtlich, dass der Hauptgrund für das Geschehen die verbotswidrige, massenhafte Benutzung“ von Mobiltelefonen durch die Soldaten gewesen sei, sagte Sewrjukow. Sie habe dem Gegner erlaubt, den Standort der betroffenen Einheit zu bestimmen. Zudem nannte Sewrjukow einen stellvertretenden Kommandeur der Einheit, Oberstleutnant Batschurin, der unter den Toten sei. In Russland ist es üblich, die Schuld an schlimmen Vorfällen unteren Ebenen sowie Toten zuzuweisen, um Verantwortung zu kaschieren.

          Nicht nur das ukrainische Militär, auch russische Kriegsblogger verorten die Zahl der Toten weitaus höher, nämlich im dreistelligen Bereich. Etliche der Blogger haben Unmut darüber geäußert, dass die getöteten Soldaten – die in der Mobilmachung eingezogen worden und vor allem aus dem Gebiet Samara gekommen sein sollen – neben Munition in der nicht einmal besonders geschützten Berufsschule untergebracht gewesen seien. Diese Fehler erklärten die hohe Zahl der Opfer. Zur Munition in unmittelbarer Nähe der Soldaten sagte Sewrjukow nun gar nichts; in seiner Version führte allein der Einschlag von vier HIMARS-Raketen dazu, dass die „Stahlbeton-Konstruktion“ der Berufsschule einstürzte.

          Zudem mutet die These von der Mobiltelefonnutzung, die schon zuvor über eine Staatsnachrichtenagentur lanciert worden war, wie eine Schutzbehauptung an: Die zerstörte Berufsschule lag im Großraum Donezk in einem dicht besiedelten Gebiet, wo gerade in der Neujahrsnacht zahlreiche Menschen Mobiltelefone genutzt haben dürften.

          Sewrjukow war zudem bemüht zu zeigen, dass man schon Rache für den Angriff genommen habe. Der dafür benutzte Mehrfachraketenwerfer der ukrainischen Streitkräfte sei durch „Antwortfeuer“ vernichtet worden, sagte er und zählte angebliche weitere Erfolge des russischen Militärs auf, bei denen mehr als 330 „ukrainische Nationalisten und ausländische Söldner“ getötet worden seien.

          Schon am Dienstag war das Militär bemüht gewesen, diesen Racheaspekt in den Vordergrund zu stellen. In insgesamt fünf Städten des Gebiets Samara fanden laut Staatsmedien Gedenkveranstaltungen für die Getöteten statt.

          In der Gebietshauptstadt Samara an der Wolga trat dabei die Vorsitzende eines offiziellen Frauenmilitärrates auf. „Weder wir noch unsere Männer wollten Krieg“, sagte Jekaterina Kolotowkina dabei, keine Hinterbliebene oder Angehörige von getöteten Rekruten, sondern die Frau eines Generalleutnants, Andrej Kolotowkin. „Aber der ganze Westen hat sich gegen uns zusammengeschlossen, um uns zu vernichten, uns und unsere Kinder“, fuhr Kolotowkina fort. Doch das würden „unsere Männer“ nicht zulassen. Kolotowkina sagte, sie habe ihren Mann gebeten, „Rache zu nehmen“, wegen der Mütter, Witwen und Waisen. „Wir werden nicht verzeihen, und der Sieg wird eindeutig mit uns sein.“ Offenkundig, um ihren Mann in Schutz zu nehmen, fügte die Generalsfrau hinzu, er sei nicht für das Regiment verantwortlich gewesen, zu dem die Getöteten gehört haben sollen.

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