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Weitere Eskalation? : Gerüchte über nukleare Vorbereitungen Russlands

Künftiger Träger der angeblichen Wunderwaffe: Die Belgorod am 23. April 2019 beim Stapellauf in Severodvinsk Bild: picture alliance/dpa

In einigen Medien werden Bewegungen eines „Atomzugs“ und eines russischen Atom-U-Boots mit Sorge registriert. Handelt es sich um eine weitere Warnung Putins?

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          In den vergangenen 24 Stunden hat es besorgte Berichte über Bewegungen der russischen Streitkräfte gegeben. Das prorussische Militärblog Rybar hatte am Sonntag auf Telegram ein Video veröffentlicht, das einen rollenden Güterzug mit gepanzerten Fahrzeugen zeigt, die angeblich zur 12. Hauptdirektion des russischen Verteidigungsministeriums gehören sollen. Die Abteilung ist für die Wartung des staatlichen Atomwaffenarsenals verantwortlich. Die britische Boulevardzeitung „Daily Mail“ schrieb von einem „Nuklear-Militärzug“ in Bewegung, der eine „mögliche Warnung an den Westen“ darstelle.

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Parallel dazu schrieb die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ über eine Geheimdienstmitteilung der NATO an ihre Mitglieder. Darin soll das Bündnis davor gewarnt haben, dass das russische Atom-U-Boot K-329 Belgorod aus seinem Hafen im Norden Russlands „verschwunden“ sei. Im Bündnis solle demnach die Sorge bestehen, dass die Belgorod ihre nuklear bestückbare Unterwasserdrohne Poseidon testen könne.

          Russische Drohungen zum Einsatz von Atomwaffen sorgen im Westen zunehmend für Unruhe, vor allem vor dem Hintergrund der zurückweichenden russischen Truppen in der Ukraine und Putins zunehmendem Verlust der Deutungshoheit über den Krieg im Nachbarland.

          Keine Hinweise auf Atomzug

          Mit Blick auf den Güterzug hielten mehrere westliche Fachleute die Sorge für unbegründet. Nuklearwaffen würden in Spezialwaggons transportiert, die auf den Videoaufnahmen nicht zu sehen gewesen seien, schrieb etwa der amerikanische Proliferationsexperte Jeffrey Lewis auf Twitter. Und selbst diese Transporte seien ständig in Russland zu beobachten.

          Die gepanzerten Fahrzeuge und Lastkraftwagen, die Rybar zeigt, sind für den Transport von Nuklearsprengköpfen offenkundig kaum geeignet. Auch die Richtung, in die der Zug fährt, ist aus den Aufnahmen nicht zu erkennen. Von einem Transport in Richtung der Ukraine ist nichts ersichtlich. Sollte dem so sein, würden westliche Satelliten ihn verfolgen können.

          Ist Russlands Wunderwaffe Poseidon einsatzbereit?

          Bei der Belgorod liegt der Fall ein wenig anders. Dass das U-Boot, das erst im Juli in Dienst gestellt wurde, nicht mehr zu sehen ist, ist zwar nicht ungewöhnlich. Grundsätzlich sind U-Boote schwer zu identifizieren, zumal wenn sie getaucht fahren. Zudem verfügt die Belgorod vermutlich über moderne Tarnvorrichtungen. Allerdings geht die NATO wohl davon aus, dass sie zu geheimen Tests in den Gewässern rund um die russische Doppelinsel Nowaja Semlja aufgebrochen ist. Auf der Insel und in ihren Gewässern wurden in Sowjetzeiten zahlreiche Kernwaffenversuche unternommen.

          Im Raum steht die Frage, wie weit Russland bei der Entwicklung der Nukleardrohne Poseidon vorangeschritten ist. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte sie vor vier Jahren als eine von mehreren Wunderwaffen gepriesen. Am 1. Mai dieses Jahres war im russischen Staatsfernsehen ein Video gezeigt worden, in dem mithilfe eines Einsatzes von Poseidon im Ostatlantik ein Atomschlag gegen Großbritannien geführt wird, das dadurch komplett vernichtet wird.

          Poseidon gilt unter westlichen Fachleuten als komplett neuartige Waffe. Sie soll angeblich dazu in der Lage sein, ein nukleares Torpedo mit einer Sprengkraft von bis zu 100 Megatonnen abzufeuern. Eine Explosion vor der britischen Küste, so heißt es, würde eine mehrere Hundert Meter hohe radioaktive Flutwelle auslösen, die alles unter sich begrabe. Laut russischen Angaben soll Poseidon eine Geschwindigkeit von über hundert Stundenkilometern erreichen, bis zu 1000 Meter tief tauchen können und über eine sehr große Einsatzreichweite verfügen. Inwiefern diese Werte tatsächlich erreicht werden oder ob es sich um Propaganda handelt, lässt sich kaum sagen.

          Von einer Einsatzbereitschaft der Unterwasserdrohne gingen westliche Fachleute bislang erst in ein paar Jahren aus. Sollte die Belgorod die Drohne tatsächlich testen, dürfte sich zeigen, ob die Annahme richtig war.

          Die NATO wollte sich am Dienstag weder zum Zug noch zum U-Boot äußern. Zur Belgorod sagte ein Sprecher des Bündnisses gegenüber der Nachrichtenagentur ANSA lediglich: „Wir geben keinen Kommentar zu vermeintlichen Informationslecks oder Geheimdienstdetails ab.“

          Die Fox-Journalistin Jennifer Griffin berichtete auf Twitter unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten amerikanischen Regierungsvertreter, nach den jüngsten Atom-Drohungen Putins seien bislang keine ungewöhnlichen Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Moskauer Atomwaffenarsenal festgestellt worden. 

          Der Kreml wies am Dienstagmittag zumindest Berichte über einen geplanten Atomtest an der russischen Grenze zur Ukraine zurück. „Westliche Medien, westliche Politiker und Staatsoberhäupter üben sich zurzeit in nuklearer Rhetorik“, sagte der Sprecher des russischen Präsidialamts, Dmitri Peskow in Moskau. „Daran wollen wir uns nicht beteiligen.“

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