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Russland : Ein richtiger Kerl wie Putin

  • -Aktualisiert am

Umfragen zeigen: ein Gutteil der Russen werden Putins Empfehlung folgen Bild: AFP

In weniger als einem Jahr beginnt in Russland der Präsidentschaftswahlkampf. Bis dahin muss Putin den „Richtigen“ unter den Bewerbern benennen. Wer das Erbe des russischen Präsidenten antreten wird? Das weiß nur der Kreml-Herr allein.

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          Moskau. Wer galt nicht schon alles als möglicher oder wahrscheinlicher Nachfolger des „Zaren“ Wladimir Putin! Dmitrij Kosak zum Beispiel. Er war stellvertretender Gouverneur von Sankt Petersburg, bis ihn der Präsident, sein Mentor, nach Moskau holte. Kosak, der sympathische Kettenraucher, galt als aufgehender Stern am politischen Firmament und schien glänzende Aussichten zu besitzen, Putin nachzufolgen - bis er aus der Präsidialverwaltung hinausgedrängt und nach der Geiselnahme von Beslan 2004 als Präsidentenbevollmächtigter in den nördlichen Kaukasus geschickt wurde.

          Es war nicht klar, ob das eine Auszeichnung war oder ein Himmelfahrtskommando. In den Mutmaßungen über die möglichen Kandidaten für die Nachfolge nach Putin tauchte Kosak aber bald nicht mehr auf. Laut Verfassung darf Putin sich nicht für eine dritte Amtszeit bewerben.

          Ära Jelzins - die „Zeit der Wirren“

          Die Gouverneurin von Sankt Petersburg, Walentina Matwijenko, wurde von den Medien in die Nachfolgerolle regelrecht „hineingeschrieben“. Die ehemalige Ärztin und Ministerin in einer Regierung am Ende der Ära Jelzins dementierte bestürzt und heftig, um es sich nicht mit Putin zu verscherzen. Überdies erschien die Vorstellung, dass eine Frau ins Präsidentenamt nachrücke, für russische Verhältnisse doch reichlich kühn zu sein.

          Sergej Iwanow erfüllt das Kriterium des zupackenden „Kerls” mit Leichtigkeit

          Denn wenn man sich auf der Straße umhört, dann gibt es meist nur eine Antwort auf die Frage, wer Putin nachfolgen solle: Ein „Muschik“, ein richtiger Kerl, müsse es sein, der die Zügel in die Hand nimmt. „Einer wie Putin“, wäre zu ergänzen. Denn das legen die Umfragen über Putins Beliebtheit und über die Vorstellungen von einem künftigen Präsidenten nahe.

          Das Bild vom Kämpfer gegen die Oligarchen, von einem, der dem Staat wiedergegeben habe, was diesem gehört, und die politischen Strukturen im Land mit harter Hand kontrolliere, dieses Bild von Putin, das aus dem Kreml heraus orchestriert wird, hat offenbar Wirkung gehabt. Es wirkt besonders gut vor der Folie der Ära Jelzins, die in den schwärzesten Farben ausschließlich als „Zeit der Wirren“ (Smuta) gezeichnet wird. Und es verschwindet dahinter die Tendenz zum Staatskapitalismus unter Putin.

          Das Land aus der wodkatrunkenen Apathie holen

          Seit vergangenem Herbst haben sich die Auguren nun auf zwei Politiker, Sergej Iwanow und Dmitrij Medwedew, geeinigt, von denen einer angeblich das Erbe Putins als Präsident antreten werde. Medwedew wechselte als erster Vizeregierungschef in die Regierung, Verteidigungsminister Iwanow wurde zum „einfachen“ Vizepremier befördert. Sowohl Jurist Medwedew als auch Iwanow, der im Hauptberuf erst als Geheimdienstagent arbeitete und 1998, als Putin für kurze Zeit Geheimdienstchef war, zu dessen Stellvertreter aufrückte, sind Petersburger Weggefährten des gegenwärtigen Präsidenten.

          Medwedew wurde Chef der Präsidialverwaltung und Aufsichtsratsvorsitzender des staatlichen Erdgasmonopolisten Gasprom. Nach dem Wechsel in die Regierung beauftragte ihn Putin mit der Umsetzung der vier nationalen Programme. Das Autorenrecht an diesen Programmen, die mit einigen Rubelmilliarden ausgestattet sind, gebührt Putin. Eines soll den Wohnungsbau ankurbeln und Familien den Erwerb bezahlbarer Wohnungen ermöglichen.

          Die anderen Programme sind dazu gedacht, die Bildung und das Gesundheitswesen zu reformieren oder das flache Land aus der wodkatrunkenen Apathie in die Moderne zu holen. Der 41 Jahre alte Medwedew reiste durch das ganze Land, als Abgesandter des Kremls, um die Verwirklichung der Programme zu kontrollieren. Die staatlich kontrollierten Medien widmeten der „Inspektionsreise“ des neuen Stars aus Moskau viel Sendezeit. In der Duma spendete man Medwedew für seine Arbeit Beifall.

          Rubelsegen aus der Zentrale

          Aber als Putin sich im Februar den Fragen einiger hundert Journalisten stellte, nutzte eine Reporterin aus Russlands fernem Osten die sich bietende Gelegenheit vor den Fernsehkameras aus ganz Russland für einen Hilferuf. Sie beklagte, was Provinzreisende bereits wussten: In manchen russischen Gebieten bereichern sich die Gewaltigen an dem Rubelsegen aus der Zentrale.

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