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Rußland : Die kriminelle Maschinerie des Bürgermeisters

Einer, der in Moskau für sein Recht kämpft. Bild:

In Moskau werden viele Wohungseigentümer aus ihren vier Wänden verdrängt - dahinter steckt oft die Stadtverwaltung. Sie schreckt auch vor Gewalt nicht zurück. Eine Reportage

          5 Min.

          Die Wohnungstür ist zum dritten Mal in einer Woche aufgebrochen, diesmal wurde auch der Stahlrahmen herausgehebelt. Selbst die Heizkörper haben sie aus der Wohnung geschleppt, die Rohre hängen in die Leere. "Hier war ja sonst nichts mehr zu holen", sagt Andrej Doronin sarkastisch, während ein junger Milizionär die dritte Anzeige wegen Einbruchs aufnimmt. "Ich war naiv", bekennt der vierzig Jahre alte Historiker, der über deutsches Mittealter und europäischen Humanismus promoviert hat, und blättert in ein paar Zeitschriften, die auf dem verschmutzten Teppichboden zwischen den Scherben eingeschlagener Fenster verstreut sind. "Ich dachte, ich kann mein Eigentum schützen, weil ich im Recht bin. Aber das Gesetz spielt keine Rolle in Moskau." Oberbürgermeister Jurij Luschkow habe die Gerichte und die Polizei im Griff. "Das ist eine Maschine, gegen die kommst du nicht an."

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Doronin weiß, wovon er spricht. Seit fünf Monaten besteht sein Leben darin, um seine Drei-Zimmer-Wohnung an der Profsojusnaja-Straße 10 zu kämpfen. Von ihr sind nur verschmutzte, zerstörte Räume geblieben, Ergebnis eines wochenlangen Terrors der Behörden. Zuletzt haben unbekannte Einbrecher die Möbel in einem Kleinlaster abtransportiert. Das dreistöckige Haus, einst von deutschen Kriegsgefangenen gebaut, liegt an einer Einkaufsstraße im erweiterten Moskauer Zentrum. Nebenan hat ein Shopping-Center aufgemacht mit Creperie, Parfümerie und einem Reisebüro und Läden, in denen italienische Schuhe, französische Dessous und deutsche Mobiltelefone verkauft werden. Nun soll auch das Nachbarhaus fit gemacht werden für das neue Moskau.

          Im November vergangenen Jahres begann Doronin, der sich mit europäischer Rechtsgeschichte befaßt, die Wirklichkeit des russischen Rechtssystems am eigenen Leib zu erfahren. Man habe aus der Bezirksverwaltung angerufen, sagte seine Frau Swetlana, man müsse sofort umziehen, das Haus werde abgerissen. In den nächsten Wochen wurden die meisten Bewohner des Hauses überredet, in neugebaute Hochhäuser am Stadtrand zu ziehen, wo es schlammige Wege gibt, eine schlechte Verkehrsanbindung und keine Geschäfte. Dort kostet der Quadratmeter Wohnfläche 400 Dollar weniger als auf der Profsojusnaja. Andrej weigerte sich, wie einige andere Bürger des Hauses, in die entlegene Betonöde umzusiedeln. Man bot ihm im Dezember eine Drei-Zimmer-Wohnung in der Nähe an. Sie war zwar kleiner als die bisherige, aber Doronin stimmte sofort zu. Nur solle alles Rechtens sein, die neue Wohnung als sein Eigentum registriert werden. Man versprach es.

          Wochen vergingen, ohne daß etwas geschah. Als Doronin nachfragte, hieß es, die Dokumente könnten gerade nicht gefunden werden. Ende Januar - es herrschten zweistellige Minusgrade - wurde das Gas abgestellt, als noch 13 Familien im Haus wohnten, "um die verbliebenen Bewohner zu einer schnelleren Freimachung der Wohnungen zu stimulieren", wie es in einer Anweisung der Bezirksverwaltung an das Moskauer Unternehmen Mosenergostroj heißt, die dieser Zeitung vorliegt. Das Gesetz verbietet die Abschaltung kommunaler Dienstleistungen, solange auch nur eine Wohnung genutzt wird. Doch die meisten Bewohner der Profsojusnaja 10 zogen sofort zum Stadtrand; ein paar Widerspenstige wurden nach drei Wochen zum Auszug überredet. Keiner der Hausbewohner - alle hatten Eigentumstitel auf ihre alten Wohnungen - erhielt ein Dokument, daß die neue Wohnung sein Eigentum sei.

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