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Rußland : Die kriminelle Maschinerie des Bürgermeisters

Doronin verbrachte Wochen damit, Briefe zu schreiben, zu telefonieren, auf Behörden zu gehen. Er schrieb Eingaben an den Staatsanwalt seines Bezirks, an die Moskauer Staatsanwaltschaft und an die Generalstaatsanwaltschaft. Er schickte Telegramme an Oberbürgermeister Jurij Luschkow und schrieb ans Bürgermeisteramt - und erhielt keine Antwort. Der Gang durch die Moskauer Ämter hat Leere und Bitterkeit hinterlassen. "Wenn ich etwas von meinen Rechten, von meiner Würde erzähle, schauen sie mich in den Ämtern verständnislos an, die jungen Mädchen kichern. Die meisten halten mich für einen Idioten. Manche sagen: Sie haben ja recht, aber wir tun nur, was man uns befiehlt." Eine Staatsanwältin ermunterte ihn, nicht aufzugeben, aber sie selbst könne ihm nicht helfen. Die Wohnungsgeschäfte der Stadt Moskau seien "ein Sumpf, an den man besser nicht rühren soll", sagte ihm der Duma-Abgeordnete seines Wahlkreises. Unerfahrene Rechtsanwälte wollten mit seinem Fall bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ziehen, die besseren rieten davon ab. Ein Gerichtsverfahren würde zwei Jahre dauern, und er könne es verlieren, auch wenn er im Recht sei, sagen sie.

In Moskau, wo die Stadtverwaltung derzeit ein Programm zum Abriß alter Häuser aus den fünfziger und sechziger Jahren durchpeitscht, sind solche Fälle eine "Massenerscheinung", berichtet die Rechtsanwältin Ludmilla Kopalina. "Die Investoren wollen die teuren Grundstücke so schnell wie möglich haben, ihnen helfen Leute aus dem Beamtenapparat, und dabei werden immer wieder Gesetzte verletzt." Die Anwältin vertritt einen Moskauer Rentner, der vor Gericht erfolgreich gegen die drohende Räumung seiner Eigentumswohnung durch die Stadt geklagt hatte. "Dennoch hat die Polizei ihn am nächsten Tag gewaltsam aus seiner Wohnung geschleppt, man hat das Haus am selben Tag abgerissen.", berichtet Frau Kopalina. Die Staatsanwaltschaft weigere sich seit anderthalb Jahren, ein Strafverfahren in der Sache einzuleiten - auch dies sei kein Einzelfall. Der Rentner, der trotz gewonnenen Gerichtsverfahrens auf die Straße gesetzt wurde, wohnt seit Oktober 2001 als Gast bei verschiedenen Verwandten. Bei Verwandten sind auch Andrej Doronin, seine Frau und seine 15 Jahre alte Tochter untergekrochen. Zu dritt hausen sie in einem Zimmer von zehn Quadratmetern, in dem ein Bett, ein Klappbett und die Sachen stehen, die sie aus ihrer Wohnung retten konnten.

Fälle wie die Doronins passieren heute hundert- und tausendfach in der russischen Hauptstadt. Viele umgesiedelte Moskauer haben seit Monaten und Jahren keinen Eigentumstitel auf die Wohnungen, die ihnen gehören sollten und über die sie nun nicht verfügen können. Sie empören sich darüber, aber sie wissen, daß sie der Willkür der Stadt und der Beamten, die am Immobiliengeschäft mitverdienen wollen, ausgeliefert sind. Das Besondere in Rußland ist, wenn einer auf seinem Recht besteht, wie Doronin, der auch jetzt nicht klein beigeben will. Statt zu Kreuze kriechen, will er lieber wieder ganz unten anfangen. Vom russischen Staat habe er noch nie viel gehalten. "Aber jetzt hasse ich ihn, weil ich verstanden habe, wie unmenschlich, kriminell und amoralisch er ist."

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